Trageerschöpfung

Ich mag dich einfach nicht!

Draußen ist die Landschaft dick verschneit, und ich fahre langsam, ja fast schlendernd mit meinem heckbetriebenen Auto durch die tiefweißen Baumalleen, die den Weg in Richtung Stall bilden. Ganz verzaubert von der schönen, ruhigen Winterlandschaft komme ich an, parke das Auto und stapfe durch den noch ungeräumten Schnee in die Stallgasse hinein. „Hallo!“, rufe ich fröhlich in die Gasse, und ehe eine nette Antwort der anderen Einstaller kommt, sehe ich sie schon am Anbindeplatz stehen: Die junge Scheckenstute ist seit etwa zwei Jahren bei uns am Stall. Seither wird mir jedes Mal, wenn ich sie um mich herum habe, klarer, dass ich sie einfach nicht mag. Denn sie vereint in meinen Augen alle Charaktereigenschaften, die ich bei einem Pferd (und auch bei Menschen) nicht leiden kann. Obwohl es in der „Wendy-Welt“ ein absolutes No-Go ist, dieses Gefühl über ein Tier – und dann auch noch ein Pferd – laut zu äußern oder zu zeigen, kann ich es nicht ganz verbergen.

Missmutig binde ich meinen Wallach neben ihr an, wofür ich die Stute allerdings erst umherschieben muss, was ihrerseits nicht ohne ein zickiges Anlegen der Ohren und ein Andeuten von Schlimmerem vonstatten geht. Klar, es ist alles auch eine Frage der Erziehung, und dass ich diese respektlose, dominante Stute nicht ausstehen kann, ist wohl oder übel auch der Besitzerin geschuldet, die einfach erziehungstechnisch versagt hat und schon so manche Tritte ihres „süßen“ Tieres bei anderen entschuldigen musste. Aber dennoch würde ich dieses Pferd wohl auch in erzogenem Zustand nicht wirklich mögen.

Warum haben wir eigentlich ein schlechtes Gewissen, wenn wir ein Pferd als unsympathisch oder unangenehm empfinden? Das geht so weit, dass viele Menschen ein Pferd behalten, das charakterlich überhaupt nicht zu ihnen passt und – abgesehen von dem Aspekt der Gewöhnung – niemals ihr Traumpferd werden wird.

Lebenspartner werden ständig getauscht, wenn es nicht passt. Bei Tieren sieht es ganz anders aus. Hier lautet das Motto: Durchhalten bis zum bitteren Ende! Dass wir das eine Pferd mögen und das andere nicht, halte ich für ganz normal; so ist es bei uns Menschen ja auch. Es kann einfach nicht jeder mit jedem! Und es macht uns nicht zu schlechteren Pferdemenschen, wenn wir einfach häufiger zu dieser Erkenntnis stehen. Im Gegenteil: Würden manche Reiter beim eigenen Pferd reflektierter sein, könnten sie ihm und sich selbst eine bessere Zukunft mit einem anderen Besitzer beziehungsweise Pferd ermöglichen, bei der die Verbindung vielleicht besser passt.

Lara Wassermann

Leitende Redakteurin Mein Pferd

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