Text: Andreas Ackenheil, Rechtsanwalt     Foto: imago images/ Stefan Lafrentz

Nicht nur beim Kauf eines Pferdes spielt der objektive Wert des Tieres eine wichtige Rolle. So hat ein Gericht entschieden, dass der Kauf bei einer sehr großen Diskrepanz zwischen dem objektiven Wert des verkauften Pferdes und dem gezahlten überhöhten Kaufpreis wegen Sittenwidrigkeit nichtig war. 


Gerade bei hochpreisigen Pferden ist es zudem von besonderer Wichtigkeit, den Wert des zu versichernden Pferdes dem Versicherungsunternehmen benennen zu können.
So wird bei Schadensfällen und anderen gerichtlichen Auseinandersetzungen oftmals ein Wertgutachten erstellt, um festlegen zu können, wie hoch der eingetretene Schaden durch die Verletzung oder den Tod des Pferdes ist.
Die Wertbestimmung erfolgt nach den individuellen Eigenschaften des Pferdes, wie der Rasse, der Abstammung, dem Alter, dem Ausbildungsstand, den sportlichen Erfolgen und den Voraussetzungen (Turnierplatzierungen und Zuchtprämien). Zudem spielt der Gesundheitszustand des Pferdes eine entscheidende Rolle. Ein Pferd mit gesundheitlichen Mängeln wie Arthrose, Gelenkchips, Asthma und anderen medizinischen Befunden lässt sich nur zu einem deutlich geringeren Wert verkaufen. Wenn das Pferd koppt, webt oder schwer händel- oder reitbar ist, wirkt sich das ebenfalls wertmindernd aus.
Außerdem sind ungerittene Pferde, Fohlen und Jungpferde meist auch günstiger als bis zur schweren Klasse ausgebildete Turnierpferde. Ist ein Pferd schon älter und nicht mehr so belastbar oder nur bedingt reitbar, kann dies auch eine Wertminderung darstellen.

Wie bestimmt man den Wert eines Pferdes?


Die Wertbestimmung wird durch einen Sachverständigen durchgeführt. Der Sachverständige bestimmt einen Stichtag und besichtigt das Pferd. Am Tag der Beurteilung wird das Pferd vorgemustert und die Identität des Pferdes dokumentiert. Beim Vormustern bewertet der Gutachter das Exterieur (äußeres Erscheinungsbild) des Pferdes sowie die Bewegungen des Pferdes beim Vorführen an der Hand. Danach wird das Pferd, je nach Alter und Ausbildungsstand, an der Longe oder unter dem Reiter vorgestellt. Wichtige Kriterien sind für den Sachverständigen die Rittigkeit, das Temperament, der Charakter und auch die Leistungsbereitschaft.

Ein sehr gut gebautes Pferd mit erfolgversprechender Abstammung, aber erheblichen Verhaltensstörungen, wie zum Beispiel Steigen, Bocken oder Koppen, wird bei der Beurteilung des Gutachters schlechter beurteilt, wenn diese Mängel nicht mehr behebbar sind. 
Liegt keine AKU des Pferdes vor, so wird diese in Absprache mit dem Pferdeeigentümer durchgeführt, um den Gesundheitszustand des Pferdes zu ermitteln und zu bewerten. 
Der Auftraggeber kann hierbei den Umfang der Untersuchung bestimmen. 
Der Wert des Pferdes ermittelt sich auch aus den Dokumenten, die dem Sachverständigen vorgelegt werden. Wichtige Dokumente können der Pferdepass, die Importpapiere, andere Rechnungen, der Kaufvertrag oder Zuchtbescheinigungen und Auszeichnungen sein. 
Manche Pferde erhalten im Laufe ihrer sportlichen Karriere Auszeichnungen für besondere Leistungen. So werden Zuchtstuten Staatsprämien verliehen, Deckhengste gekört und je nach Zuchtverband erhalten Sportpferde die Bezeichnung OLD oder FRH für außerordentliche Sporterfolge. 
OLD bekommen beispielsweise Pferde des Oldenburger Zuchtverbandes verliehen, FRH Pferde aus dem Hannoveraner Zuchtverband und NRW Pferde des Förderverbands Westfalen. Entscheidend für die Wertbestimmung sind auch Leistungen von Verwandten des Pferdes, sprich des Zuchtstammes. 
Wertbildende Faktoren können auch die Fellfarbe oder das Stockmaß sein. Weicht das Exterieur vom Rassetyp ab, so kann das eine Wertminderung bedeuten. Bei Friesen beispielsweise sind weiße Abzeichen nicht erwünscht, und auch Reitponys sollten ein Stockmaß von 1,48 Meter nicht überschreiten. Seltene Fellzeichnungen führen zu hohen Kaufpreisen bei Westernpferden.
Nicht berücksichtigt werden bei der Wertbestimmung hingegen spezielle oder persönliche Beziehungen zwischen Pferd und Reiter.

Welche Wertberechnungsverfahren gibt es?


Das Sachwertverfahren


Beim Sachwertverfahren entscheidet sich der Gutachter dafür, den Wert nach den Kostenwerten zu richten, die zum Zeitpunkt der Beurteilung angefallen sind. Diese beziehen sich auf die Aufzucht des Pferdes, die Unterhaltung sowie das Training. Dieses Verfahren ist in der Praxis jedoch unbedeutend, da es sich bei diesen sogenannten „Sowieso-Kosten“ um Investitionen handelt, die bei jedem Pferd im Laufe seines Lebens anfallen.

Das Ertragswertverfahren


Am häufigsten wird das Vergleichswertverfahren angewendet. Der Wert des Pferdes wird bei diesem Verfahren nach dem Preis beurteilt, der am Bewertungsstichtag im gewöhnlichen Geschäftsverkehr zu erzielen wäre. Hierbei prüft der Sachverständige, ob es eine existente Gruppe gibt, nach der er die auf dem Markt gehandelten Preise für das zu beurteilende Pferd ableiten kann.

Wertkriterien des Freizeitpferdes


Bei einem Freizeitpferd sind das Wesen und das Gemüt besonders bedeutend. Das ideale Freizeitpferd sollte einen ruhigen, gutmütigen und zuverlässigen Charakter haben, um die unterschiedlichen reiterlichen Fähigkeiten des Reiters und die oft auch unregelmäßige Belastung zu kompensieren. Von einem Freizeitpferd erwartet man ein hohes Maß an Rittigkeit und Sitzkomfort, damit auch weniger geübte Reiter mit dem Pferd zurechtkommen. Ein Freizeitpferd, welches für Jagden und Geländeritte eingesetzt wurde und dort sehr zuverlässig war, eignet sich beispielsweise als Freizeitpartner für Freizeitreiter, die gerne gemütliche Ausritte unternehmen.

Wertkriterien des Sportpferdes


Der Wert eines Sportpferdes bemisst sich nach seinem Ausbildungsstand oder nach den bereits erzielten sportlichen Erfolgen. Dabei geben die Lebens- und Jahresgewinnsumme Aufschluss darüber, wie erfolgreich ein Pferd in seinem Leben als Turnierpferd bislang war. Kann das Sportpferd sein Leistungsniveau nicht mehr halten, kann es vorkommen, dass das Pferd nicht mehr als Sport -, sondern nur noch als Freizeit- oder Lehrpferd eingestuft werden kann.

Der Ausbildungs- und Trainingszustand wird bei einem Sportpferd anhand der vollbrachten Leistungen erkannt. Bei noch jungen Sportpferden, die noch nicht auf dem Turnier vorgestellt wurden, bemisst sich der Leistungsstand nach dem Trainingsstand oder bereits im Sport eingesetzter verwandter Pferde. Hierbei liest man oft in Verkaufsanzeigen „der Vollbruder war Bundeschampion der vierjährigen Dressurpferde, die Vollschwester wurde Bundeschampionesse der dreijährigen Springpferde“ oder „als Fohlen wurde Pferd XY mit der Staatsprämie ausgezeichnet“. Der Nachweis der erfolgten Ausbildung muss in die Wertermittlung einfließen. Dies kann durch den Gutachter vor Ort erfolgen sowie durch Zeugenaussagen ermittelt werden.
Im Bereich des Rennsports gelten Hengste als leistungsstärker im Gegensatz zu Stuten. Dadurch wird deutlich, dass auch das Geschlecht ein Wertkriterium darstellen kann. 
Das Geschlecht kann auch Aufschluss über das Temperament und die Tauglichkeit für Wettkämpfe geben. Wallache haben meist ein ausgeglichenes Temperament, weshalb sie durch ihre Geschlechtsneutralität auf Turnieren einen Vorteil haben. Stuten und Hengste haben durch ihre Zuchttauglichkeit einen Vorteil: Nach Beendigung der sportlichen Karriere können sie noch für die Zucht von vielversprechenden Nachwuchspferden eingesetzt werden. Die Bedeutung des Gestüts, aus der das Pferd hervorgeht, oder des Züchters hat ebenfalls einen wertbildenden Einfluss.

Wertkriterien des Show- oder Filmpferdes


Das Exterieur des Showpferdes hat große Bedeutung. Besonders rassetypische Pferde werden gerne für Shows eingesetzt, um die Schönheit der Rasse zu präsentieren. Auch rassetypische Spezialgangarten, wie der Tölt und Pass bei Isländern, oder außergewöhnliche Reitweisen müssen in den Wert des Showpferdes einfließen.

Showpferde haben oftmals keine klassische Reitausbildung erfahren, sondern zeichnen sich durch besondere Fähigkeiten wie zirzensische Kunststücke oder Freiheitsdressur aus. Auch Fähigkeiten wie die Unerschrockenheit vor Feuer und lauten Geräuschen spielen eine wichtige Rolle. Wenn ein Pferd für Filmstunts ausgebildet wurde, kann dies einen wertbildenden Faktor darstellen, da nicht jedes Reitpferd in der Lage ist, derartige Fähigkeiten zu erlernen. 
Eine bedeutende Rolle können, wie beim Sportpferd auch, Gewinnsummen sein. Bei einem Show-oder Filmpferd entspricht dies den Gagen für Auftritte in Shows, Filmen und im Fernsehen.

Wertkriterien eines Zuchtpferdes


Bei einem Zuchtpferd ist die Zuchttauglichkeit ein entscheidendes Wertkriterium.

Hierbei sollte ein Zuchtpferd frei von vererbbaren Mängeln sein. Durch die Nachkommenlebensleistungen lässt sich die erbrachte Zuchtleistung ermitteln (Zuchtwertindex). Die Zuchtleistung kann anhand von guten, bereits geborenen Nachkommen kalkuliert werden. Entscheidend ist hierbei die Bedeutung des Gestüts oder Züchters. 
Auch Auszeichnungen wie die Hengstkörung oder die Staatsprämie bei Stuten und Fohlen sind weitere Anhaltspunkte für die Wertbestimmung eines Zuchtpferdes.

Wertkriterien des Arbeitspferdes


An das Arbeitspferd werden Anforderungen wie Gehorsam, Fleiß, Gutmütigkeit und gute Toleranz gegenüber äußeren Einflüssen (z. B. Verkehrssicherheit, andere Tiere, keine Schreckhaftigkeit), eine willige Arbeitseinstellung sowie Zugfestigkeit gestellt. Je nach Einsatzbereich können Größe und Bemuskelung weitere wertbildende Kriterien darstellen. Ein Brauereipferd muss beispielsweise einen anderen Körperbau als ein Holzrückepferd haben.

Fazit:


Es gibt viele Faktoren, die den Wert eines Pferdes ausmachen können. Diese hängen nicht nur von objektiven Wertkriterien ab, sondern auch von subjektiven Kriterien, die der potenzielle Käufermarkt bestimmt. Besteht zum Beispiel ein hohes Interesse an ein bestimmtes Nachwuchsspringpferd, können die Käuferangebote den Preis schnell in die Höhe steigen lassen. Die Nachfrage bestimmt daher den Markt. Dies wird besonders bei Pferdeauktionen deutlich. Besonders Auktionspferde erzielen gigantische Summen. Verfügt das Pferd über einzigartige Merkmale oder Fähigkeiten, kann dies auch ein Kriterium darstellen, welches den Wert in ungeahnte Preisspannen treiben kann.

Bei späteren Versicherungsfällen kommt es jedoch häufig zu einer Diskrepanz in der Einschätzung der Versicherung über den Wert des Pferdes und den Vorstellungen der Pferdebesitzer. Ob die niedrigere Werteinschätzung und die daraus resultierende geringere Schadensregulierung rechtens ist, sollte man frühzeitig von einem auf Pferderecht spezialisierten Anwalt prüfen lassen

Unser Experte: Andreas Ackenheil veröffentlicht als Spezialist für Pferde- recht regelmäßig in zahlreichen Fachzeitschriften und Onlineportalen juristische Fachbeiträge sowie Kommentare zu neuen Rechtsentscheidungen und hält Vorträge und Seminare. Zudem veröffentlichte der Rechtsanwalt einen großen Ratgeber für Tierrecht mit einem umfangreichen Kapitel über Pferderecht.

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