Text: Inga Dora Meyer        Foto: imago/imagebroker

In Deutschland gibt es zahlreiche Beweidungsprojekte mit wild lebenden Pferden. Konik, Dülmener, Prezwalski und Co. sorgen für ein aktives Ökosystem und öffnen uns ein Fenster in die Vergangenheit. Wenn man an wilde Pferde denkt, fallen den meisten zuerst die Mustangs in den USA ein. Doch auch vor der eigenen Haustür gibt es wilde Pferde. Von der Geltinger Birk im Norden bis zum Tennenloher Forst im Süden Deutschlands haben autark lebende Vierbeiner ein Zuhause gefunden und räumen als Landschaftspfleger ordentlich auf. Sie zeigen uns in vielen unterschiedlichen Beweidungsprojekten, wie unsere Landschaft ohne Einfluss des Menschen aussehen kann. Früher zogen wildlebende Herden von Waldelefanten, Wollnashörnern, Riesenhirschen, Wildpferden und Auerochsen durchs Land und schufen weite halboffene Weideflächen. Viele Jahrtausende waren sie es, die die Landschaft maßgeblich prägten. Doch große Pflanzenfresser gibt es bei uns nicht mehr. Hier tragen unsere Steinzeit-Vorfahren eine erhebliche Mitschuld, die sie jagten und für ihr Aussterben sorgten. Das belegen vor allem Knochenfunde an den Lagerplätzen steinzeitlicher Jäger. Später veränderten Viehwirtschaft und Ackerbau das Land. Unter den Pflügen verschwanden viele Arten von Flora und Fauna der ursprünglichen Weidelandschaften.

Große Pflanzenfresser

Um eine vom Menschen unbeeinflusste Landschaft , Tier- und Pflanzenwelt zu finden, muss man deshalb etwa 100.000 Jahre zurück in die letzte Warmzeit gehen. In dieser Zeit befanden sich die besten Futterplätze auf fruchtbaren Böden der Auen oder des Flachlandes. Dort wären die Landschaften von großen Pflanzenfressern offengehalten worden. Im Hügelland und im Gebirge würde hingegen der Waldanteil dominieren. Die heute noch vorhandenen Wildtiere wie z. B. Hirsche und Wildschweine leben es den wilden Pferden in den Freigehegen vor. Aber sie stellen nur einen geringen Teil der Tierwelt dar. Um ursprünglichen Landschaft en näher zu kommen, müssten große Pflanzenfresser ebenso wild leben dürfen. Dann ließe sich konkret nachverfolgen, wie sie ohne den Einfluss des Menschen entstanden sind. Dennoch können die Weidetiere ihren Beitrag zur Erhaltung von Flora und Fauna beitragen. Um zu bewahren, was fast verloren scheint, haben zahlreiche Städte, Gemeinden und Naturschutzverbände Beweidungsprojekte mit großen Pflanzenfressern ins Leben gerufen. So unterhält z. B. Die Stiftung Naturschutz in Schleswig-Holstein rund 4.300 Hektar „Wilde Weiden“ – so viele wie in keinem anderen Bundesland. Hier werden die Vierbeiner als „lebende Rasenmäher“ auf vier Hufen eingesetzt. Ihre Bedeutung für die Beweidungsprojekte geht jedoch weit darüber hinaus, denn die Tiere sind ein natürlicher Bestandteil des Ökosystems. Entscheidend sind aus naturschutzfachlicher Sicht die Strukturveränderungen, die durch die Weidetiere bei ganzjähriger Freilandhaltung mittels Verbiss, Scheuern, Tritt und Kotproduktion langfristig erreicht werden. Zottelig, zäh und ziemlich gefräßig räumen die wild lebenden Pferde 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr draußen auf. Durch ihre Vorlieben und ihr Verhalten gestalten die Weidetiere die Landschaft so wie einst. Dabei fühlen sie sich sowohl in lichten Kieferwäldern als auch in Auenlandschaften sowie in sumpfigen Feuchtgebieten wohl. Sie fressen vor allem Gras, das sie im Gegensatz zum regelmäßigen Mähen oder einer intensiven Beweidung unregelmäßig und unterschiedlich verbeißen. Zwar sind so in der Regel weniger Blüten vorhanden, die gesamte Blühdauer wird aber um das bis zu Dreifache verlängert. Das wirkt sich positiv auf blütenbesuchende Insekten aus. Dort, wo sie das Gras bis zur Narbe abgeweidet haben, entstehen offene Flächen, die seltenen und gefährdeten Tier- und Pflanzenarten einen neuen Lebensraum bieten. Da sich die Pferde frei auf den Flächen bewegen können, fördern sie zudem durch den Transport von Samen über Fell und Verdauungstrakt den Artenaustausch zwischen einzelnen Gebieten.

…den gesamten Artikel – inklusive Rasseportraits der unterschiedlichen Wildpferderassen – finden Sie in der aktuellen Ausgabe. Hier finden Sie eine Übersicht zum Vorkommen wilder Pferde in Deutschland.