Text: Kerstin Börß        Foto: Denver Post via Getty Images

In Rekordzeit entwickelte sich der rinderhütende Wallach Scamper zum Rodeo-Helden. Zusammen mit Charmayne James wurde Scamper zum erfolgreichsten Barrel-Horse der Geschichte.

Als Elfjährige dominierte Charmayne James aus dem kleinen Ort Clayton in New Mexico die Barrel-Race-Wettbewerbe ihrer Region nach Belieben. Zusammen mit ihrem Pferd Bardo umkurvte sie die Fässer schneller als jede ältere Konkurrentin. Doch das erfolgreiche Zweigespann wurde Ende des Jahres 1981 auf tragische Art und Weise auseinandergerissen. Bardo brach sich das Bein und musste eingeschläfert werden. Im Frühjahr 1982 begann die junge Charmayne gemeinsam mit ihrem Vater die schier unmögliche Aufgabe, einen Nachfolger für Bardo zu finden. Sie fuhren quer durch New Mexico und alle benachbarten Staaten im Westen der USA – doch die Suche blieb erfolglos. Da fiel dem Vater ein kleiner brauner Wallach ein, der eigentlich Rinder der Familie James hütete. Das Pferd hatte bislang keine schöne Geschichte hinter sich, als es seinen ersten Besitzer schmerzhaft abgeworfen hatte, landete es auf einer Pferdeauktion und wechselte schon in jungen Jahren oft die Besitzer.

Doch als Charmayne James das American Quarter Horse das erste Mal sah, wusste sie sofort, dass sie zusammengehören. Sie nannte ihren Wallach Scamper nach dem englischen Wort für flitzen. Von vielen wurde sie aufgrund der Pferdewahl kritisch beäugt, schließlich wäre doch ein Rennpferd und nicht dieser rinderhütende Wallach die passendere Wahl für die begabte junge Reiterin gewesen. Sätze wie „das Pferd ist unreitbar“ musste sie sich anhören. Und selbst ihr Vater bremste Charmayne in ihrer Euphorie. Sie solle es langsam angehen, empfahl er ihr, schließlich sei das Pferd unter den Cowboys als äußerst buckelfreudig bekannt. Doch es dauerte nicht lange, bis die junge US-Amerikanerin ihren Kritikern beweisen konnte, dass sie sich für das absolut richtige Pferd entschieden hatte. Auch wenn Scamper noch nie ein Barrel gesehen hatte, war er durch das Rinderhüten äußerst wendig, und so gewannen Charmayne und Scamper schon zwei Wochen nach Trainingsstart ihren ersten Wettkampf. Im Sommer folgten siegreiche Rodeo-Auftritte in benachbarten Staaten. Noch bevor das Duo jedoch von einer ruhmreichen Zukunft träumen konnte, wurde Scamper von einem anderen Pferd ins Sprunggelenk getreten. Der Tierarzt ordnete eine sechsmonatige Pause an und sah die Chancen auf eine Rodeo-Rückkehr bei 50 zu 50.

Doch das Duo kämpfte sich zurück, im Frühjahr 1983 war Charmayne zurück in Scampers Sattel. Sie erntete jedoch wenig aufmunternde Worte, sondern vor allem den Ratschlag, nun doch ein anderes Pferd zu kaufen. Dieser Scamper würde sich ja nicht lange halten. Die Kommentare änderten nichts an Charmaynes Traum, mit Scamper eine professionelle Rodeokarriere zu starten. Ihre Eltern hielten sie nicht zurück, sponserten sie aber auch nicht. Das Geld für diesen Traum müsse sie sich selbst verdienen.

1984 gewannen der damals siebenjährige Scamper und die doppelt so alte Charmayne ihren ersten WM-Titel im Barrel-Racing, sie wurde zur Aufsteigerin des Jahres gewählt und sammelte in einem Jahr über 50.000 US-Dollar Preisgeld an. Und das war nur der Beginn einer Ausnahmekarriere. Zusammen mit Scamper gewann Charmayne James noch neun weitere WM-Titel, bis der Wallach 1994 in Rente ging. Die zu dem Zeitpunkt 24-Jährige war da schon die erste Rodeoreiterin, die mit ihrem Sport über eine Million US-Dollar verdienen konnte.

Scamper genoss seine Rente auf der Ranch seiner Besitzerin in Texas. Manchmal schnupperte er auch noch Rodeo-Luft, wenn Charmayne ihn gemeinsam mit ihrem neuen Pferd Cruiser zu Wettbewerben mitnahm. Solange sie mit Cruiser um die Fässer kurvte, bestaunten und streichelten Rodeofans Scamper, der als erstes Barrel-Pferd in die Ruhmeshalle des Rodeosports aufgenommen wurde. Der Wallach starb im Alter von 35 Jahren am 4. Juli 2012 – an dem Tag, der auch als Cowboy-Christmas gilt, da am Nationalfeiertag der USA die Preisgelder besonders hoch sind. Allerdings lebt Scamper in gewisser Weise auch weiter. Im Jahr 2006 wurde sein Klon, das Fohlen Clayton geboren. Es ist benannt nach dem Ort, wo die große Erfolgsgeschichte von Scamper und Charmayne startete.