Interview: Inga Dora Schwarzer      Foto: www.slawik.com

Pferde sind Steppen-, Herden, Flucht- und Beutetiere und zeigen dementsprechende Verhaltensweisen. Für den Reiter ist es wichtig zu verstehen, warum es so und nicht anders reagiert. Je mehr er über die Bedürfnisse weiß, desto eher kann er unerwünschtes Verhalten verhindern und für Wohlbefinden sorgen. In einer achtteiligen Interviewreihe mit Verhaltenstherapeutin Susanne Grun (www.horselearningbysusn.com) schauen wir uns nach und nach verschiedene Verhaltensweisen genauer an – dieses Mal steht Fortpflanzungsverhalten im Fokus.

 

Welche Verhaltensweisen gehören dazu?

Wir unterscheiden beim Sexualverhalten der Pferde ganz klar die Verhaltensweisen von Hengst und Stute, denn sie sind alles andere als gleich. Der Hengst ist ständig paarungsbereit und hat auch keine besonderen Brunstzeiten. Stuten hingegen rossen dagegen teilweise nur im Frühjahr und Frühsommer. Paarungsbereit sind sie tatsächlich nur zur Zeit der Hochrosse. Der Hengst zeigt ein werbendes Verhalten, wenn er die Hochrosse der Stute bemerkt. Durch das tägliche „Kontrollieren“ von Kot und Urin seiner Stuten weiß der Hengst genau, wann die jeweilige Stute sich in der Vorrosse befindet, und beginnt sein Werben. Die Stute signalisiert ihre Rosse durch vermehrtes Urinieren. Im Urin der Rossezeit befindet sich ein spezieller Duftstoff, der den Hengst zusätzlich anzieht. Der Hengst flehmt (Verziehen von Ober- und Unterlippe). Die Stute sucht die Nähe zu anderen Pferden bzw. dem Hengst. Der Schambereich der Stute ist vergrößert, und die Schleimhäute sind gerötet und feucht. Der Hengst nimmt infolge der gesteigerten Ausschüttung der Sexualhormone eine ausgeprägte Imponierhaltung mit aufgewölbtem Hals ein uns stellt sich zur Schau. Er wölbt in Gegenwart der Stute seinen Nacken, bläht die Nüstern auf und wiehert triumphierend. Er hebt selbstbewusst den Schweif. Hochtrabend umtänzelt er die Stute, und er ist hin- und hergerissen zwischen Begehren und der Angst, die Stute könnte ihn schwer verletzen. Durch Beknabbern und Belecken der Stute vom Hals über den Widerrist bis hinunter zu den Hinterbeinen testet der Hengst, ob die Stute tatsächlich paarungsbereit ist und ihn bei einem Aufspringen nicht abschlagen würde. Ich habe auch schon gesehen, dass der Hengst seine Schultern an den Hinterbacken der Stute reibt. Dieses Spiel der Pferde wirkt überaus liebevoll und zärtlich. Erst wenn der Hengst sich bei diesem Vorspiel sicher sein kann, dass ihm die Stute wohlgesonnen ist, vollzieht er den Akt und springt auf.

Welche möglichen Ursachen liegen hengstigem oder stark rossigem Verhalten zugrunde?

Immer wieder habe ich mit Pferden zu tun, die stark hengstiges oder stark rossiges Verhalten an den Tag legen. Als Ursache kann hier der Hengst sein, der zu nah an der Stute in der Box gehalten wird und die Stute zum übermäßigen Rossen animiert. Andersherum kann es der sehr spät gelegte Wallach sein, der eine Stute für die seine entdeckt hat und sich so hengstig verhält. Dieses Verhalten hat meist auch eine hormonelle Ursache. Bei Stuten können das Zysten an der Gebärmutter sein, bei Wallachen ein nicht richtiges oder sehr spätes Kastrieren. In beiden Fällen ist der Hormonhaushalt durcheinander, was die Pferde stresst und dies in vielen Fällen zu Problemen führt. Ist dies der Fall (Blutbild!) hilft z.B. die Gabe des homöopathischen Mittels Agnus Castus (Mönchspfeffer). Selbstverständlich ist immer auch zu prüfen, ob Haltung und Fütterung in Ordnung sind.

Wie sollte der Mensch damit umgehen?

Ein hengstiger Wallach oder eine rossige Stute sollte sich in der Arbeit mit uns Menschen nicht anders verhalten als ein Hengst oder eine nichtrossige Stute. „Hengstiges Verhalten“ wird oft mit Unerzogenheit verwechselt. Ein Hengst als Hengst ist ein ebenso normales Pferd wie eine nichtrossige Stute. Natürlich muss ich als Mensch, wenn ich heute mit einem Hengst arbeite, mir sicher sein und klar kommunizieren können. Aber das sollte ich auch mit einer Stute und mit einem Wallach. Leider nehmen es sich viele Reiter zum Alibi, einen hengstigen Wallach oder eine dauerrossige Stute zu haben. Selbstverständlich muss abgeklärt werden, ob tatsächlich Störungen des Hormonaushaltes etc. oder eine falsche Haltung oder Fütterung vorliegen. Und dann heißt es: An sich selbst und seiner Kommunikation arbeiten. Denn Pferdetraining ist vor allem eines: Arbeit an sich selbst.