Text & Foto: Eva Grossmann

Eisige Kälte in der Nacht, grüne Landschaften am Tag: Eva Grossmann verschlägt es zu einem Wanderritt nach Georgien

Ich öffne die Augen, orientiere mich – 
wo sind wir? Wie kalt ist es? Geräusche? Sonne vielleicht? Ich merke, dass meine Augen schwer sind, mein Gesicht ist irgendwie verrutscht, das passiert mir immer, wenn es Nachts sehr kalt ist. Und letzte Nacht war es kalt, im August eher ungewöhnlich, dass die Temperaturen Tags bei 25 Grad liegen und Nachts bei minus zehn. Ich höre noch nichts, nehme meine Kleider in den von außen nassen Schlafsack, um sie vorzuwärmen; schalte mein Telefon ein, um die Uhrzeit zu wissen, Empfang haben wir schon lange keinen mehr. Das Anziehen kostet Überwindung, Reißverschluss auf, alles schläft noch. Die Pferde liegen, die Zelte sind still, die Umgebung ist weißgefroren, eine Eisschicht auf dem Zelt. Der Ausblick? Zauberhaft, weit, atemberaubend …Wie immer, die Mühe lohnt sich 1.000 Mal, ich weiß wieder, warum ich 
es tue, immer wieder – all you need is less. 
Los Baby, Kaffeekochen, Zähneputzen.

Luki, der junge Kangal, der uns bei der Tour begleitet, begrüßt mich. Er schläft draußen bei den Pferden und schlägt nachts Alarm, falls die Bären zu nahe an uns herankommen. Ich setze Wasser auf, wasche mein Gesicht mit dem Eiswasser aus dem Bach, Zähneputzen. Ich mache mir einen Kaffee in einem geliehenen Becher. Meiner ist zerbrochen, und das ist wirklich ärgerlich, keinen Becher für heiße Getränke zu haben betrifft mich sehr viel mehr als nicht zu duschen. Ein anderer krabbelt aus seinem Zelt, gesellt sich zu mir, trinkt und isst. Wir reden über die Nacht, die Kälte und was uns heute erwartet. Nach und nach kommt die Gruppe zusammen, es wird wärmer, wir lachen schon wieder über Lustiges von gestern. Wir bauen das Lager ab, und als wir losreiten, scheint die Sonne, und die Kälte ist längst vergessen. Wir reiten heute als erstes an den Taniesee, wo wir noch nie waren. In einer Stunde sind wir da, sagen unsere Bergführer. Wir freuen uns. Nach einer Stunde haben wir gerade mal den Pass erreicht und sehen einen Zipfel des Sees ca. 800 Höhenmeter unter uns, wer weiß wie viele Kilometer entfernt. Wir beratschlagen. Wollen wir zum See? Durch Erdrutsche gibt es keinen Durchweg auf der anderen Seite des Sees, sagen die Schäfer, wir müssen also den gleichen Weg wieder zurückreiten und werden die geplante Tagesetappe nicht schaffen. Aber wir sind uns einig, dass wir alle dorthin wollen, und bereit, den Plan anzupassen. Wer hat was von einer Stunde gesagt?! Ich frage den Bergführer Davit, wann er das letzte Mal dort war – vor ca. zehn Jahren, ist die Antwort! Ich muss lachen, immer wieder wird mir klar, dass ich eigentlich gar nichts im Griff habe und dass mein Vertrauen in etwas Höheres, das uns leitet und beschützt, oft das Einzige ist, was bleibt. Und meine eigene Motivation natürlich, die Grundgefühle bei allen meiner Reisen: Freiheit, Ehrfurcht und Wille zum Wissen.

Wir reiten und führen die Pferde hinab, der Weg zieht sich unendlich, aber die Landschaft hat sich verändert. 
Die gewohnten, sanften, grünen Berge, die wie schlafende Riesen wirken, haben sich diesseits in schroffe, schwarze Riesenmassive verwandelt. Wir sind begeistert und sehr froh, uns für den Weg entschieden zu haben. Nach mehreren Stunden kommen wir unten an. In Herzform leuchtet der See türkisblau, ist vollkommen klar. Er wird von umliegenden Wasserfällen gespeist – magic, again and again. Liebe kann einfach alles. Wir verteilen uns, schwimmen, fotografieren oder schauen uns einfach nur um. Nach einiger Zeit brechen wir wieder auf. Davit gibt Gas, wo er nur kann, trabt oder galoppiert er Stückweise. Wir sind bergauf noch nie so schnell geritten. Die unerfahrenen Reiter unter uns sind herausgefordert, die Pferde geben alles, und wir haben eine Megagaudi. Gegen 17 Uhr kommen wir an der Stelle an, wo wir am Morgen losgeritten sind. Wir haben einen Riesenhunger und wollen nur Essen. Es war ein fabelhaft-sensationeller Tag, wenn auch ganz anders als geplant. Wir beschließen, noch einmal an der gleichen Stelle zu übernachten, die Pferde haben heute genug gegeben. Ich koche Abendessen, es gibt eine Kornmischung (schmeckt wie Vogelfutter) mit roter Bete und Gurkensalat (den gibt es jeden Abend, da das Gemüse hart genug für den Transport ist und lange frisch schmeckt). Die Dunkelheit fällt gegen 
20 Uhr ein und mit ihr die Kälte. Auf der Höhe gibt es keine Bäume, also auch kein Lagerfeuer, aber etwas Chacha, den georgischen Schnaps. Drei von uns bearbeiten seit Beginn der Reise die 1,5-Liter-PET-Flasche, die wir dabei haben. Ich lasse Musik vom Handy laufen, wir haben verschiedenfarbene Stirnlampen an und tanzen, was das Zeug hält. Wir haben Mucke, einen sehr lebendigen Strobo und sogar Schwarzlicht. Und mit der Milchstraße über unseren Köpfen und den Bären, die nichts mehr verstehen, einen Riesenspaß.

Ihre Eva Grossmann

Mehr Informationen finden Sie hier: www.leocasi.wixsite.com/wanderreiten