Text: Nicole Audrit      Foto: www.Slawik.com, Hersteller (2)

Die Suche nach dem perfekten Stall für den lieben Vierbeiner gleicht der nach einer Wohnung in einer Großstadt: Es gibt viele Anforderungen, wenig Angebote und viele Enttäuschungen. Dennoch ist es möglich, den idealen Stall fürs Pferd zu finden. Unsere Experten erklären, worauf es ankommt und wo Sie Ihre Erwartungen eventuell zurückschrauben müssen.

Allzu häufig kommt es zwischen Einstellern und Stallbetreibern zu Konflikten in Bezug auf die Haltung, die Fütterung – insbesondere in Bezug auf das Raufutter – und natürlich auch den Pensionspreis. Der Stallbetreiber hat häufig das Gefühl, für zu wenig Geld zu viel zu arbeiten.Wohingegen der Einsteller findet, zu viel Geld für zu wenig Leistung zu bezahlen. Um ein m.glichst harmonisches Verhältnis zu erreichen, gibt es in Bezug auf die Haltung und Fütterung Anhaltspunkte, die der Einsteller zum Wohl seines Pferdes erwarten kann – dabei hat Qualität bekanntlich auch ihren Preis.

Von Luft und Liebe leben …

… können weder Mensch noch Tier. Aus diesem Grund muss auf die Bedürfnisse des Pferdes als Herden- und Lauftier eingegangen werden. Da Pferde ausgeprägte Herdentiere sind, sollten sie wenn möglich auch in einer Gruppe gehalten werden beziehungsweise zumindest dauerhaft en Sicht- und Geruchskontakt zu Artgenossen haben. Dauerhafte Einzelhaltung widerspricht dem natürlichen Sozialverhalten und den Bedürfnissen des Pferdes. „In der freien Wildbahn setzt sich die Herde natürlich selbst zusammen, während moderne Herdenhaltung immer eine Art Zwangsvergesellschaftung ist. Aus diesem Grund muss der Stallbetreiber über viel Erfahrung und Wissen verfügen, um eine harmonische Herdenstruktur zu gestalten“, erklärt die Biologin Dr. Christina Fritz. „Bei der Zusammenstellung kommt es sowohl auf das Alter, das Geschlecht, den Stand in der Rangordnung als auch die Rasse an.“ Das Gerücht, dass eine gemischte Herde am natürlichsten und somit auch am besten ist, hält sich nach wie vor. Allerdings hat Thorsten Hinrichs, Gründer des HIT-Aktivstallkonzepts, die Erfahrung gemacht, dass reine Stuten- oder Wallachherden meist ruhiger als gemischte Gruppen sind. Dr. Christina Fritz erklärt dies mit der natürlichen Lebensform von Pferden: „Die Trennung nach Geschlechtern entspricht der eigentlichen Natur des Pferdes: üblicherweise gibt es eine Stutengruppe mit einem Hengst und eine Junggesellengruppe mit Hengsten aller Altersklassen.“ Außerdem spielen und raufen Wallache gerne mit ihren Artgenossen, wovon Stuten schnell genervt sind. Daher verhindert die Geschlechtertrennung in der Herdenhaltung häufig Unruhe. Dies bedeutet jedoch nicht, dass gemischte Herdenhaltung nicht funktioniert, sie bedarf nur einer genauen Beobachtung und guter Zusammenstellung. Fest steht, dass ein hengstiger Wallach, der auf die Stuten aufspringt, nichts in einer gemischten Herde zu suchen hat und in eine reine Wallachherde gehört – ansonsten ist die Verletzungsgefahr für Wallach und Stute sehr hoch. „In freier Wildbahn deckt der Hengst die Stute einmal, woraufhin diese tragend ist und vom Hengst in Ruhe gelassen wird. Ein Wallach kann die Stute nicht tragend machen und deckt sie daher immer wieder“, erklärt Dr. Christina Fritz. Nur eine gut zusammengestellte Herde funktioniert und kann so dem einzelnen Individuum Sicherheit vermitteln, was bei einem Fluchttier wie dem Pferd einen hohen Stellenwert einnimmt. Unabhängig von der Haltungsform – ob Boxenhaltung mit Auslauf, Offen- oder Aktivstall – benötigen Pferde als Herdentiere immer die Möglichkeit, Sozialkontakte zu pflegen.

Außerdem sind Pferde bekanntlich Lauftiere und bewegen sich in freier Wildbahn etwa 16 Stunden täglich (meist im Schritt) für die Nahrungsaufnahme. Dies bringt direkt zwei Anforderungen für die artgerechte Haltung domestizierter Pferde mit sich: Bewegung und permanente Nahrungaufnahme. Ein Pferd benötigt aufgrund seiner Charakteristik als Lauftier ausreichend Bewegung, wobei damit der freie Auslauf auf dem Paddock oder der Weide gemeint ist, und nicht die gezielte Bewegung im Training durch Reiten, Longieren oder Fahren. Dauerhafte Einschränkung der Bewegung kann neben Temperamentsausbrüchen unter dem Sattel aufgrund von angestauter Energie in Form von Bocksprüngen oder Rennen auch zu Schäden des Bewegungsapparats oder Verhaltensauffälligkeiten – beispielsweise Weben oder Koppen – führen. Neben der Bewegung ist auch die Fütterung essenziell. Das Pferd benötigt aufgrund der anatomischen Strukturen des Verdauungsapparats mit einem kleinen Magen auch in domestizierter Haltung viele kleine Mahlzeiten, beispielsweise des Kraftfutters, und kurze Fresspausen von strukturreichem Futter, wie Heu und Stroh. Qualitativ hochwertiges Raufutter sollte in jeder Haltungsform in ausreichender Menge vorhanden sein, ansonsten drohen bei langen Fresspausen gesundheitliche Schäden wie beispielsweise Magengeschwüre.

Die Qual der Wahl

Im zweiten Paragraphen des Tierschutzgesetzes steht, dass ein Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend ernährt, gepflegt und untergebracht werden muss. Außerdem darf das Tier in seinen Möglichkeiten zur artgemäßen Bewegung nicht eingeschränkt werden. Diese Aussagen sind sehr vage, und wurden daher in den „Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltung unter Tierschutzgesichtspunkten“ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) konkretisiert. Unter anderem wird in diesen Leitlinien festgelegt, dass soziale Kontakte zu Artgenossen, täglicher und mehrstündiger Freilauf sowie eine bedarfsgerechte Fütterung unumgänglich sind. Eine gute, artgerechte Pferdehaltung basiert somit auf vier Säulen: Bewegung, Ruhemöglichkeiten, Fütterung und Sozialkontakten. Bei der Wahl der richtigen Haltungsform kommt es dabei auf das individuelle Pferd und dessen Bedürfnisse an – jede Haltungsform hat ihre Vor-, aber auch Nachteile.

…den kompletten Artikel – inklusive verschiedener Anforderungen, absoluter No-Gos und einem Exkurs zum Thema Heu – lesen Sie in der aktuellen Mein Pferd.

BUCHTIPPS

Das „FN-Praxishandbuch für Pferdehalter“ verdeutlicht viele Herausforderungen der Pferdehaltung: Es gibt vieles zu beachten, um die Tiere gesund zu erhalten und ihnen ein weitestgehend artgerechtes Leben zu ermöglichen. Von der Unterbringung über die Pflege und Fütterung bis hin zur Ausbildung – sowohl der Tiere als auch der Reiter –, vom Weidemanagement über den sinnvollen Einsatz technischer Hilfsmittel in einem professionellen Betrieb bis hin zu den praktischen Fragen, die sich einem Pferdezüchter stellen, dient dieses Buch als Orientierungshilfe für sämtliche Belange eines Pferdehalters: Mehr als 40 Experten haben in diesem Buch ihr Wissen zu allen grundlegenden Aspekten zusammengetragen und geben handfeste Tipps sowie realisierbare Lösungsansätze für auftretende Probleme. Das Buch ist ganz aktuell im FN-Verlag erschienen und hier für 38 Euro erhältlich.

 

Der Ratgeber „Pferdehaltung und Fütterung“ von Ingolf Bender ist ein Muss für alle Reiter und Pferdehalter: Vollständig aktualisiert und überarbeitet beantwortet dieses Kompendium alle Fragen der modernen Pferdehaltung und beinhaltet langjährig erprobte und umsetzbare Vorschläge für die Praxis. Pferdegerechte Haltung einschließlich bedarfsgerechter Fütterung sind elementar für jede Beschäftigung mit Pferden. Täglich freie Bewegung an frischer Luft, Sozialkontakte zu Artgenossen, ausgewogene, leistungsangepasste Ernährung sowie verhaltensgerechter Umgang müssen sich ergänzen. Dem Autor Ingolf Bender gelingt es, alle Grundlagen und Zusammenhänge präzise und verständlich zu erklären – er liefert erprobte Lösungsvorschläge für die Praxis. Erschienen im Kosmos Verlag und hier für 49,99 Euro erhältlich.