Text: Inga Dora Meyer            Foto: Getty Images/Flickr Select, Hersteller

Wenn wir uns das Fußgelenk verstauchen, können wir genau sagen, wo und wie stark es schmerzt. Wir kühlen es, schmieren eine Salbe­ darauf und bekämpfen so den Schmerz. Pferde können das nicht. Sie haben­ im Gegen­satz zu uns keinen Schmerzlaut oder jaulen auf wie ein Hund, wenn man die schmerzende Stelle berührt. Das Einzige, was sie tun können, ist, ihr Verhalten, ihre Gestik, Mimik und Körperhaltung zu verändern und so den Schmerz anzuzeigen und zu verringern – beispielsweise ein verletztes Gelenk weniger stark zu belasten, indem sie den Huf nur noch auf der Zehenspitze aufsetzen. Doch so wie wir Menschen Schmerz unterschiedlich erleben, ist auch ein Pferd mehr oder weniger empfindlich als ein anderes. Das eine zeigt kaum, dass es an einem schmerzenden Huf leidet, während ein anderes es vermeidet, überhaupt Gewicht darauf zu bekommen. Für Pferdebesitzer ist es daher nicht immer einfach, das Leid des Vierbeiners nachzuvollziehen.

Doch es gibt noch ein weiteres Problem: Pferde sind Beute- und Fluchttiere. Damit ein potenzieller Angreifer nicht schon von Weitem bemerkt, dass ihnen zum Beispiel der Huf wehtut und sie vielleicht nicht so schnell laufen können wie die anderen in der Herde, versuchen sie, ihre Schmerzensäußerung so gering wie möglich zu halten. Das gehört zum Überlebensinstinkt. Es bedeutet aber auch, dass die Tiere in der Lage sind, Schmerzen bis zu einem gewis­sen Grad zu verbergen – auch vor uns Menschen­, wenn sie sich von uns bedroht fühlen. Deshalb ist es wichtig, sich das Pferd in einer ruhigen und vertrauten Umge­bung anzusehen, damit die Beurteilung nicht falsch ausfällt.

Dieses ganz natürliche Verhalten zeigen unsere Hauspferde noch heute. Das macht es Reitern doppelt schwer zu erkennen, was mit ihrem Liebling los ist. Was tun? Achten Sie zunächst auf die spezifischen Verhaltensweisen. Das sind Symptome, anhand derer eine bestimmte Krankheit erkennbar ist. Beispiel: Bei einer milden Kolik sind das unter anderem Flehmen, anfallartiges Scharren, Unruhe, Umsehen oder Schlagen nach dem Bauch, bei einer schweren Kolik­ etwa Schweißausbrüche, rücksichtsloses Sich-auf-den-Boden-Werfen, heftiges Wälzen oder Toben. Bei einer Hufrehe zeigen sich beispielsweise warme Hufe und prall gefüllte Blutgefäße am Fesselkopf, die stark pulsieren, ein steifer, unsicherer Gang, eine Entlastungshaltung, bei der die Vorderbeine nach vorne rausgestellt sind, während die Hinterbeine unter die Körpermitte geschoben werden, sowie die Weigerung, einen einzelnen Huf zu geben, weil der Schmerz auf den anderen Hufen dann zunehmen würde. Solche Muster sind für den Reiter oft recht schnell zu erkennen.

Wenn sich das Verhalten ändert

Sehr viel schwieriger ist es, schleichende Schmerzprozesse und chronische Schmerzen anhand unspezifischer Verhaltensweisen wahrzunehmen. Damit ist ein Verhalten gemeint, das an sich für das Pferd zwar normal ist, aber plötzlich ungewöhnlich wird, weil es dieses Verhalten in einem anderen Zusammenhang zeigt oder weil Frequenz, Intensität und Dauer­ merkwürdig erscheinen. Beispiele: Es sondert sich von seinen Artgenossen ab, während es sonst immer mitten in der Herde zu finden ist. Es frisst nicht, obwohl es für gewöhnlich auch den letzten kleinen Krümel seines Futters verschlingt. Es wälzt sich auffällig oft, was es sonst nie tut. Es ist immer zutraulich und kommt freudig auf Sie zugelaufen, wenn es Sie entdeckt, verhält sich jetzt aber scheu und zurückhaltend. Es blickt abwesend oder wirkt teilnahmslos und ist nicht an seiner Umwelt interessiert. Es spielt eigentlich viel mit seinen Kumpels, ist heute aber nicht ein einziges Mal in Spiellaune. Solche Abwei­chungen vom Normalverhalten sind so unter­schiedlich wie die Pferde selbst. Wenn Sie Ihren Vierbeiner jedoch gut kennen, werden Sie solche Veränderungen schnell bemerken.

…an der Mimik Ihres Pferdes können Sie einiges über sein körperliches und geistiges Wohlbefinden ablesen. Den gesamten Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe.

bildschirmfoto-2018-02-05-um-10-26-27Wenn Pferde sprechen könnten… …sie können! – „Übersetzungshilfe für die Pferdesprache“ von Isabelle von Neumann-Cosel

Pferde sind leise Tiere – ihr unverkennbares Wiehern ist selten zu hören. Dennoch können sie sich bestens verständigen: durch Mimik, Gestik und Bewegung. Die Sprache der Pferde lässt sich nicht von ihrem Verhalten trennen; wer die Pferdesprache besser verstehen will, muss lernen, das Pferdeverhalten zu beobachten und richtig zu deuten. Dieses Buch leistet Übersetzungshilfe: Es erklärt die vielen Facetten des Pferdeverhaltens in der modernen Pferdehaltung und im Reitsport auf der Grundlage der arttypischen, instinktiven Reaktionen, die allen Pferden gemeinsam sind. Es zeigt mit Witz und Wärme typische Missverständnisse zwischen Mensch und Pferd auf und gibt zahlreiche praktische Hinweise dafür, die Sprache der Pferde so zu beantworten, dass sich Zwei- und Vierbeiner gegenseitig besser verstehen. Das Buch können Sie hier für 19,80 Euro kaufen.