Interview: Nicole Audrit      Foto: www.Slawik.com

Wenn das Pferd beim Satteln oder Gurten in die Richtung des Sattels oder des Reiters beißt, ist das Kind meist schon in den Brunnen gefallen und das Pferd hat Sattelzwang. Tierärztin für Chiropraktik und DIPO-zertifi zierte Sattelexpertin Dr. Silke Pohl (www.back-in-motion.de) erklärt, warum ein passender Sattel so wichtig ist und wie man einen Sattelzwang erkennt.

 

Was ist Sattelzwang und wie entsteht dieser?

Unter Sattelzwang versteht man ein verängstigtes, panisches oder widersetzliches Verhalten des Pferdes beim Aufsatteln und/oder Angurten des Sattels. Die ersten Anzeichen sind bereits das Anlegen der Ohren sowie Beißen in die Richtung des Gurtes oder des Menschen. Das Verhalten kann sich im Extremfall zu Panikattacken mit Steigen, Austreten oder Fallenlassen entwickeln. Die Ursachen eines Sattelzwangs sind vielfältig und müssen ganzheitlich betrachtet werden: von der Passform des Sattels über körperliche Probleme des Pferdes bis zur reiterlichen Einwirkung. All diese Faktoren sind wichtig, da Pferde grundsätzlich negative Erfahrungen und Schmerzen – sowohl beim Reiten als auch beim Satteln – mit dem Auflegen des Sattels assoziieren können. Sattelzwang entsteht vor allem durch ein Schmerzempfinden im Bereich der Sattel- oder Gurtlage. Man muss bedenken, dass dies genau die Stelle ist, an der das Pferd von einem Raubtier in freier Wildbahn angegriffen werden würde. Das bedeutet: Wenn das Pferd dort Schmerzen empfindet, wird sein ohnehin starkausgeprägter Fluchtinstinkt getriggert. Pferde reagieren auf potenziell gefährliche Situationen mit Flucht – wenn dies nicht funktioniert, mit Abwehrverhalten. Daher muss der Reiter neben einer guten Sattelpassform darauf achten, den Sattel vorsichtig aufzulegen und den Gurt schrittweise gefühlvoll anzuziehen. Ein wiederholt plötzliches und/oder zu festes Anziehen des Gurtes kann zu einem Sattelzwang führen.

Warum ist ein passender Sattel ausschlaggebend für ein langfristig gesundes Reitpferd?

Es liegt in der Verantwortung des Besitzers, den passenden Sattel für sein Pferd zu finden – allerdings ist er auf die fachkundige Beratung eines Sattelexperten angewiesen. Schon geringe Passformmängel des Sattels können zu dauerhaften Schmerzen und langfristigen Schäden beim Pferd führen – angefangen bei Bewegungseinschränkungen der Wirbelsäulengelenke bis hin zu schweren Folgeschäden wie Muskelatrophien im Bereich des Spinalismuskels und des langen Rückenmuskels und Kissing Spines. Kleinere Mängel in der Passform äußern sich häufig erst nach einer längeren Zeit: Dieselbe Stelle wird so lange gereizt, bis sich der Reiz zu einem tatsächlichen Schmerz entwickelt, sodass das Pferd eine Kompensationshaltung einnimmt, um diesen zu vermeiden. Das eigentliche Ziel beim Reiten ist, dass das Pferd vermehrt Last auf der Hinterhand aufnimmt und den Rücken aufwölbt. Löst ein unpassender Sattel eine Kompensationshaltung aus, äußert sich diese meist im Wegdrücken des Rückens im Brustwirbelbereich und folglich stärkerer Belastung der Vorhand. Häufig zeigen sich gesundheitliche Schäden nicht nur im Bereich der Wirbelsäule, sondern auch in Form von Sehnen- und Bänderschäden, Gelenksentzündungen sowie Huffehlstellungen der Vorhand. Hat der Sattel größere Defizite in der Passform, zeigen sich diese Probleme natürlich viel schneller. Auch sehr empfindliche Pferde zeigen schon kleinere Passformprobleme eher. Dies ist für den Reiter natürlich ein großer Vorteil, da so bereits früh erkennbar wird, dass eine Anpassung des Sattels vonnöten ist. Dadurch können langfristige, bleibende Schäden – wie auch ein Sattelzwang – vermieden werden. Ich möchte hier noch den ersten Paragraphen des Tierschutzgesetzes zitieren: „Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Dies verdeutlicht noch mal die Verantwortung des Besitzers, der für einen passenden Sattel Sorge zu tragen hat. Es ist sicher kein „vernünftiger Grund“, wenn man kein Geld hat oder zu phlegmatisch ist, einen gut angepassten Sattel zu kaufen. Es ist eine ethische wie selbstverständliche Verpflichtung des Reiters, für die langfristige seelische und körperliche Gesundheit des Tieres zu sorgen – einschließlich des passenden Equipments.

Warum kann ein Pferd, das in der Vergangenheit Sattelzwang hatte, dieselben Symptome auch mit passendem Sattel zeigen?

Es ist nicht leicht und meist langwierig, einem Pferd, das Sattelzwang mit Panikattacken hatte, dieses Verhalten wieder abzutrainieren – und fordert großes Engagement des Reiters. Ich habe aber durchaus schon Pferde betreut, bei denen die Symptome aufgrund einer Veränderung der Umgebungsfaktoren nahezu verschwunden sind: Dafür wurde ein neuer Sattel angepasst, das Pferd wurde chiropraktisch behandelt und das Training optimiert. Eins dieser Pferde war beim Satteln immer gestiegen und hatte die Besitzerin mit Beißen angegriffen. Nach einem halben Jahr mit Boden- und Longenarbeit und intensiver Rundumbetreuung zeigte es nur noch sehr geringgradige Symptome mit Umschauen zum Gurt. Gewisse Symptome, wie in die Anbindekette zu beißen, können manchmal zurückbleiben, wenn sich diese Verhaltensmuster schon zu sehr eingeprägt haben.

 

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