Interview: Nicole Audrit       Foto: www.slawik.com

Im Volksmund ist Narkolepsie eher unter dem Begriff Schlafkrankheit bekannt und bislang nur bei Menschen und Hunden erforscht. Im Hinblick auf Pferde steckt die Forschung noch in den Anfängen. Zudem wird die Narkolepsie oft mit dem REM-Schlafmangel verwechselt. Dr. Christine Fuchs von der Tierklinik Lüsche (www.tierklinik-luesche.de) erläutert, was es mit diesen beiden Erkrankungen auf sich hat.

Was versteht man unter Narkolepsie?

Narkolepsie ist eine chronische Gehirnerkrankung. Die Narkolepsie ist beim Hund und beim Mensch bereits sehr gut erforscht, wohingegen beim Pferd noch nicht sonderlich viel über diese Erkrankung bekannt ist. In der Literatur gibt es einige Fallberichte, in denen beschrieben wird, dass bei den betroffenen Pferden Kataplexien, also kurzzeitige Verluste des Muskeltonus ohne Bewusstseinstrübung, auftreten. Sichtbar wird dies in Form von Kollapsen – reichend von leichtem Schwanken bis zum vollständigen Zusammenbruch. Bei der Narkolepsie werden Aufregung, Erregung oder andere starke Emotionen als Auslöser vermutet: Bei einem Fall in der Literatur brach das Fohlen immer dann zusammen, wenn es auf die Stallgasse geführt wurde oder auf die Koppel durfte. Zudem wird vermutet, dass Narkolepsie erblich ist und schon im Fohlenalter auftritt.

Was hat es in diesem Zusammenhang mit dem REM-Schlafmangel auf sich?

Ich bin bereits seit vier Jahren deutschlandweit auf der Suche nach einem Pferd mit Narkolepsie und bislang nicht fündig geworden – noch immer ist nicht sicher geklärt, ob Narkolepsie bei Pferden überhaupt auftritt. Meist sind die Pferde nicht an Narkolepsie erkrankt, sondern es liegt ein REM-Schlafmangel – die Abkürzung „REM“ steht für „rapid eye movement“, also die charakteristischen Augenbewegungen in der Schlafphase – vor. Bei beiden treten Kollapse auf – dies ist allerdings bereits die einzige Gemeinsamkeit. Während bei der Narkolepsie Erregung der Auslöser für einen Kollaps ist, tritt dieser bei einem vorliegenden REM-Schlafmangel in der Ruhephase auf. Narkolepsie und REM-Schlafmangel sind völlig unterschiedliche Dinge: Die Narkolepsie ist eine neurologische Erkrankung des Gehirns, dem REM-Schlafmangel liegt keine neurologische Erkrankung zugrunde. Ich habe mich im Rahmen meiner Dissertation mit dem Thema „Narkolepsie oder REM-Schlafmangel“ beschäftigt und herausgefunden, dass bei keinem der 39 untersuchten Pferde neurologische Veränderungen, die auf Narkolepsie schließen ließen, vorlagen. Vielmehr litten allesamt unter einem REM-Schlafmangel beziehungsweise einem Mangel an Schlaf im Liegen, wodurch sie ein verändertes Schlafverhalten zeigten und im Stehen in den REM-Schlaf fielen. Der REM-Schlaf ist aufgrund der damit einhergehenden kompletten Skelettmuskelentspannung nur im Liegen möglich. Aus diesem Grund leiden Pferde, die sich dauerhaft nicht hinlegen, unter einem REM-Schlafmangel und fallen nach einiger Zeit im Stehen in den REM-Schlaf, wodurch aufgrund des damit einhergehenden Muskeltonusverlustes der Kollaps entsteht. Auslöser für REM-Schlafmangel können sowohl eine schmerzhafte Erkrankung als auch Unbehagen durch eine Veränderung in der Umgebung – beispielsweise in der Haltung oder der Herde – sein. Auch fehlende Ruhemöglichkeiten können einen REM-Schlafmangel auslösen: Dazu zählen eine unpassende Herdenzusammenstellung im Offenstall sowie ungenügende ­Liegebereiche, beispielsweise wegen einer zu geringen Boxen­größe oder wegen zu wenig oder qualitativ unpassender Einstreu.

Wie sehen Diagnose und Behandlung bei Narkolepsie und wie beim REM-Schlafmangel aus?

Beim Verdacht auf Narkolepsie oder REM-Schlafmangel empfehle ich zunächst eine Kameraüberwachung über mehrere Tage und Nächte, sodass man sehen kann, ob sich das Pferd zum Schlafen hinlegt oder ob Kollapse auftreten. Außerdem sollte mithilfe eines Schlaflabors das individuelle Schlafverhalten inklusive der Schlaftiefe und Schlafqualität – beispielsweise mit einem tragbaren Polysomographen aus der Humanmedizin – festgestellt werden. Unter normalen Bedingungen, also in gewohnter Umgebung mit ausreichend Platz und Sicherheit, legt sich ein gesundes Pferd normalerweise jede Nacht zum Schlafen hin. Stellt man mithilfe des Schlaflabors und der Kameraüberwachung fest, dass sich das Pferd nicht mehr hinlegt und/oder in den Ruhephasen REM-Kollapse auftreten, kann von einem REM-Schlafmangel ausgegangen werden. Dann muss die Ursache gefunden werden. Am Anfang der ­Studie sind wir davon ausgegangen, dass es primär schmerzbedingten REM-Schlafmangel gibt – tatsächlich ist dies in den wenigsten Fällen so. Meist liegt die Ursache in der Haltung oder in einem Stallwechsel. Beim Verdacht auf Narkolepsie empfiehlt sich zudem die Analyse eines ­bestimmten Proteins in der Zerebrospinalflüssigkeit (Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit), das bei einigen betroffenen Hunden und Menschen erniedrigt ist. Bei Pferden mit REM-Schlafmangel sind häufig Ver­letzungen an den Fessel- und Karpalgelenken sowie Verhaltens­änderungen – entweder werden sie sehr schläfrig oder zunehmend ­hysterisch – erste Anzeichen für einen Schlafmangel. Pferdebesitzer sollten diese Anzeichen ernst nehmen: Je früher ein solcher REM-Schlafmangel erkannt wird, umso besser lässt sich die Ursache finden und ­beheben und desto größer sind die Erfolgschancen. Häufig besteht ein REM-Schlafmangel schon länger, bevor das erste Mal ein Kollaps beobachtet und mit der Ursachenforschung begonnen wird.