Interview: Nora Dickmann     Foto: www.Slawik.com

Equine Odontoclastic Tooth Resorption and Hypercementosis, kurz EOTRH, ist eine unheilbare und schmerzhafte Zahnerkrankung bei Pferden. Die Früherkennung der Krankheit ist besonders wichtig, um den Tieren schnellstmöglich die Schmerzen nehmen zu können. Dr. Markus Gerlach, Tierarzt und geprüftes Mitglied der IGFP e.V., erklärt, was bei der Erkrankung zu tun ist.

Was genau bedeutet EOTRH?

EOTRH ist die Abkürzung für Equine Odontoclastic Tooth Resorption and Hypercementosis und kommt aus dem englischen Sprachraum. Dieser Begriff beschreibt krankhafte bzw. entgleiste Umbauprozesse, die vor allem an den Schneidezähnen entstehen. Der Prozess beginnt mit Abbau von Zahnsubstanz (Resorption). Hierfür sind die Odontoklasten verantwortlich, die im Körper natürlich vorkommen. Im Weiteren versucht der Körper oft, diesem Abbau entgegenzuwirken, und bildet Ersatzzement, und dies übermäßig. Es kommt zu schmerzhaften knollenartigen Zubildungen um den Zahn (Hyperzementose).

Welche Ursachen hat die Krankheit?

Leider sind die Ursachen dieser Erkrankung noch nicht umfassend geklärt. Es gibt aber einige Faktoren, die oft in Verbindung mit der Erkrankung angetroffen werden, wie ungünstige Druckverhältnisse auf den Schneidezähnen, Stoffwechselprobleme wie Cushing, ernährungsbedingte Über- und Unterversorgung mit Mineralien und Vitaminen, aber auch genetische Prädispositionen.

Welche Pferde sind besonders von der Krankheit betroffen?

Die Krankheit tritt vermehrt bei älteren Pferden auf. Aber es gibt sowohl Rasseprädispositionen als auch genetische Faktoren. Dies sind alles Faktoren, die man nicht beeinflussen kann. Fehlerhaft ernährte Tiere, Pferde mit Stoffwechselproblemen und auch nicht beziehungsweise mangelhaft zahnbehandelte Pferde sind darüber hinaus oft betroffen. Dem kann aber mit regelmäßigen Kontrollen und sachgerechter Behandlung entgegengewirkt werden.

Wie kann ich als Besitzer feststellen, ob mein Pferd unter EOTRH leidet?

Das Leiden des Pferdes ist nicht so leicht zu erkennen, da Pferde die vorliegenden Schmerzen oft nicht zeigen. Deutliche Anzeichen sind Probleme beim Abbeißen und lose Zähne. Aber viel früher treten Zahnfleischveränderungen, Druckempfindlichkeitenim Schneidezahnbereich und Verfärbungen beziehungsweise Fistelkanäle auf. Jedoch sind auch diese nicht der Beginn der Erkrankung. Die Umbauprozesse starten an der Wurzel im Verborgenen unter dem Zahnfleisch. Frühstadien sind nur mithilfe eines Röntgenbildes zu erkennen.

Wie sieht die Therapie aus?

Diese Erkrankung ist leider unheilbar. Die Wahl des Therapieplanes hängt stark vom Stadion der Erkrankung ab. Daher ist die Früherkennung so wichtig. In frühen Stadien der Krankheit kann man den Zerfallsprozess oft durch Druckentlastung der Zähne und unterstützende Maßnahmen wie Fütterung, Zusatzfuttermittel und Ausschluss bzw. Einstellung von Stoffwechselerkrankungen massiv verlangsamen. In fortgeschrittenen Stadien und bei entsprechender Schmerzhaftigkeit ist die Extraktion der betroffenen Zähne allerdings die einzige Lösung.

Was ist nach der Extraktion der Schneidezähne zu beachten?

Bei einer Extraktion der Schneidezähne muss man vor allem die OP-Nachsorge ansprechen. Denn je nach Anzahl und Veränderung der gezogenen Zähne entsteht eine recht große Wunde. Da die Pferde nach der Operation unmittelbar wieder Futter aufnehmen, ist hier eine Wundreinigung – trotz einer sehr guten Heilungstendenz der Schleimhaut – notwendig. Die Heilung dauert in der Regel zwischen vier bis sechs Wochen. Die Komplikationsrate ist jedoch sehr gering. Langfristig sind Pferde nach EOTRH-bedingten Zahnextraktionen nicht eingeschränkt, diese erfordern im Normalfall auch keine Änderungen der Haltung. Das Abreißen von Gras übernehmen die Lippen. Bei totalen Extraktionen der Frontzähne kann es jedoch zum Hervorstehen der Zunge kommen. Grundsätzlich kann ich aus meiner Erfahrung heraus sagen, dass die Lebensqualität der Pferde nach EOTRH-bedingten Extraktionen deutlich steigt.