Text: Nicole Audrit     Foto: Holger Schupp, Hersteller

Der Albtraum eines jeden Pferdebesitzers: Man kommt an den Stall, und dem Pferd geht es nicht gut. Manchmal äußert sich dies durch augenscheinliche Symptome wie ­Blutun­gen oder Schwellungen. Teilweise ist es jedoch auch nur ein Gefühl des Pferdebesitzers. Der Besitzer kennt sein Pferd meist am besten und bemerkt schon kleinste Veränderungen im Verhalten, daher sollte man in solchen Fällen auf sein Bauchgefühl hören. Um dieses Gefühl etwas besser beschreiben zu können und dem Tierarzt möglichst ein paar Fakten zum Gesundheitszustand des Pferdes nennen zu können, empfehlen sich Grundkenntnisse in der Pferdeanatomie und die Kenntnis der PAT-Werte und deren Messweise. Diese Werte setzen sich zusammen aus der Puls- und Atmungsfrequenz sowie der Körpertemperatur. Sie geben zusätzlich zur Beurteilung des allgemeinen Verhaltens gute Anhaltspunkte für den Gesundheitszustand des Pferdes.

Der Albtraum ist wahr geworden, und das Pferd hat eine schlimme Kolik oder eine tiefe blutende Wunde. Der Tierarzt ist bereits informiert, jedoch benötigt dieser natürlich auch etwas Zeit, bis er den Stall erreicht hat. In einigen Krankheitsfällen ist die Zeit der größte Feind, daher sollte der Pferdebesitzer, Reiter oder auch die Reitbeteiligung zumindest ein Grundverständnis von Erste-Hilfe-Maßnahmen am Pferd haben. Für solche Fälle bieten immer mehr Tierkliniken, Praxen und Reitställe Erste-Hilfe-Kurse fürs Pferd an – eine Teilnahme ist auf jeden Fall ratsam. Umso selbstverständlicher ein Verbandanlegen von der Hand geht, umso leichter ist es auch in einem Notfall, bei einem blutenden Pferd die Ruhe zu bewahren, was neben den mechanischen Fähigkeiten sehr wichtig ist.

Bei einer stark blutenden Wunde, einer Kolik oder einer Schlundverstopfung zählt jede Minute, daher hilft es enorm, wenn der Pferdebesitzer während der Wartezeit auf den Tierarzt schon die zielführende Erstversorgung beginnen kann. Einige Dinge sollten jedoch vermieden werden. Dazu gehören jegliche Maßnahmen, die die spätere Beurteilung des Zustandes des Pferdes und der Verletzung oder Erkrankung erschweren. Beispielsweise das großflächige Einsprühen einer tiefen Wunde mit Aluspray oder die Gabe von übrig gebliebenem Schmerzmittel.

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In dem Buch „Pferdekrankheiten – erkennen und vorbeugen“ von Christian Schacht werden die wichtigsten Pferdekrankheiten mit ihren Symptomen und Ursachen erklärt. Außerdem zeigt es, wie der Pferdebesitzer im Krankheitsfall am besten reagieren und Erste Hilfe-Maßnahmen einleiten kann. Erhältlich ist dieses Buch für 19,99 Euro.

Schlundverstopfung

Eine Schlundverstopfung ist ein ­absoluter Notfall, und als erstes sollte der Tierarzt benachrichtigt werden! Verursacht wird die Verstopfung der Speiseröhre häufig durch unzureichend zerkautes Futter, durch eine gierige Futteraufnahme oder Fütterungsfehler, wie beispielsweise das fehlende Aufweichen stark quellender Futtermittel. Die Symptome ähneln denen einer Kolik: Unruhe, Schwitzen und Scharren. Außerdem hustet das betroffene Pferd oder zeigt Würge­bewegungen sowie einen Ausfluss an den ­Nasenlöchern. Auch kann sich auf der linken Halsseite, in der Speiseröhre, eine deutlich ­sichtbare Beule bilden.

Erste Hilfe: Oftmals geraten Pferde durch das Gefühl der Atemnot in Panik, deshalb muss der Pferdebesitzer die Ruhe bewahren. Bis zum Eintreffen des Tierarztes darf weder Futter noch Wasser angeboten werden. Außerdem sollte der Pferdekopf möglichst tief gehalten werden, sodass Speichel- und Futterreste gegebenenfalls durch die Nüstern abfließen können und nichts in die Luftröhre gerät. Zusätzlich empfiehlt Frau Dr. Müller-Alander: „Wenn eine Beule an der linken Halsseite sichtbar ist, kann mit der ganzen Hand von Kehlkopf in Richtung Brustkorb massiert werden. Dadurch löst sich möglicherweise die Verstopfung schon vor Eintreffen des Tierarztes.“

…weitere Erste Hilfe-Maßnahmen finden Sie in der Spezial-Ausgabe der Mein Pferd.