In schönster Biegung

Sind wir komisch?

Letztes Wochenende war es mal wieder so weit: Das „Pferdeauto“ musste sauber gemacht werden, weil neben Stroh-, Heu- und vor allem Sandresten, die durch die Kleidung täglich hineingetragen werden, auch so langsam aber sicher das Gefühl entstand, dass das Pferd abends mit einem nach Hause fährt. Haare und Pferdegeruch waren wirklich keinem Mitfahrer mehr zuzumuten. Nach dem Stall ging es also zur Autoreinigung. Neben mir an den Staubsaugern, die grundsätzlich so schwach saugen, dass selbst normaler Schmutz kaum zu entfernen ist, geschweige denn Tierhaare, war ein Mann damit beschäftigt, seine Limousine auf Hochglanz zu bringen. Nachdem er mich von oben bis unten gemustert hatte, was wohl weniger an meiner hübschen, sondern eher an meiner ungewöhnlichen Erscheinung mit schlammigen Schuhen, Karowollkniesocken, staubiger Hose und Jacke sowie einem Stirnband mit schlecht sitzendem Pferdeschwanz lag, fragte er mich, ob ich etwa Pferde hätte. Ich runzelte lächelnd die Stirn, schaute an mir hinab und dann in mein Auto. „Ja, okay, sieht wohl danach aus“, beantwortete er sich selbst seine rhetorische Frage. Während ich den Sitz weiter mit dem Sauger bearbeitete und dabei schon ahnte, was für ein Gespräch jetzt auf mich zukommen würde, bekam ich die Klischees auch schon zu hören: „Oh, oh, Reiterinnen sind irgendwie immer schwierig, etwas komisch, machen viel Dreck“ – mit einer ausladenden Hand zeigte er auf mein Pferdeauto – „und haben dazu noch nie Zeit.“

Obwohl mein Saugnachbar noch kein Wort mit mir gesprochen hatte und sein Kommentar durchaus auch als unverschämt hätte verstanden werden können, amüsierte mich das stereotype Bild, welches er von mir hatte. Was lässt Menschen zu dem Schluss kommen, dass Reiterinnen „komisch“ und „schwierig“ seien? „Komisch“, das bedeutet „seltsam, sonderbar und mit jemandes Erwartungen oder Vorstellungen nicht in Einklang zu bringen“. Welchem Bild einer Frau sollten wir denn nicht entsprechen? Der Charakter von Pferdemädchen bietet Stoff für Wissenschaftler, die herausgefunden haben, dass Reiterinnen selbstbewusster und verantwortungsvoller sind als Nichtreiter. Der „Coach Pferd“ fördert demnach Charaktereigenschaften wie Führungs- und Durchsetzungsstärke, Zielstrebigkeit, Begeisterungsfähigkeit, Wettbewerbsorientiertheit, Belastbarkeit und Strukturiertheit. Diese Eigenschaften klingen für mich zunächst gar nicht so sonderbar, sondern eher erstrebenswert und wertvoll für ein erfolgreiches Leben. Jedoch sind dies Attribute, die früher nicht klassischerweise unbedingt für Frauen galten. Auch die Verbindung zur Natur, zu Tieren und die fehlende Scheu vor Schmutz und körperlicher Arbeit passt für viele anscheinend immer noch nicht ins Bild der heutigen Zeit. Vielleicht empfinden viele Menschen aber auch die Leidenschaft, die wir für den Sport und die Tiere mitbringen, als „komisch“, denn wirklich vermitteln kann man diese den Nichtreitern nie. Ich schloss daraus für mich, dass das Nichterfüllen von Erwartungen anderer Menschen manchmal auch etwas Gutes hat. So saugte ich grinsend die Fußräume meines Wagens weiter aus, die ich wohl nie mehr richtig sauber kriegen werde, und gestand mir fröhlich ein, dass wir manchen (natürlich total unbedeutenden) Klischees wohl doch entsprechen.

Bleiben Sie so „komisch“, wie Sie sind!

Lara Wassermann

Leitende Redakteurin Mein Pferd

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