Text: Aline Müller       Foto: www.Slawik.com

Wenn Pferde buckeln, steigen oder losstürmen, bekommen sie schnell den Stempel „ungehorsam“ aufgedrückt. Doch so einfach ist das in der Regel nicht. Um Ihr Pferd zu verstehen und solche Situationen zu vermeiden, sollten Sie sich immer mit den möglichen Ursachen solcher Widersetzlichkeiten beschäftigen

Kommunikation und Kooperation – zwei wichtige Punkte in der Beziehung zwischen Pferd und Reiter. Sie sind eine unerlässliche Basis für ein vertrauensvolles Miteinander und Lernen ohne Angst. Nicht selten sind sie aber auch Knackpunkte in Erziehung und Training. Mangelt es an Kommunikation und Kooperation, sind Probleme vorprogrammiert. Widersetzliche Pferde kündigen die Kooperation, indem sie zum Beispiel steigen, buckeln, bocken, losrennen oder stehen bleiben. Der Reiter verliert dann schnell die Kontrolle, und die Emotionen schlagen hohe Wellen. Von Angst über Frust bis hin zu Wut – „Warum macht mein Pferd das?“ ist eine Frage, die wie eine graue Wolke im Raum schwebt und die Trainingsatmosphäre verdunkelt.

Von Pferden und sturen Eseln

Widersetzlichkeit ist Pferden im Allgemeinen nicht angeboren. Es gibt also Gründe, warum unerwünschte Verhaltensweisen beziehungsweise -muster auftreten. Diese können vielseitig sein, was eine Suche nach den Ursachen nicht immer leicht macht. Es lohnt sich aber, sich mit der Natur des Pferdes und seinem Verhalten zu beschäftigen. Oft liegt darin bereits ein Schlüssel zur harmonischen Beziehung und einem erfolgreichen Training. Pferde sind Fluchttiere. Auch wenn sich ihre Lebensbedingungen geändert haben, steckt noch ein Rest Wildpferd in unseren Vierbeinern. Ihr Gefahrenverhalten im Alltag ist in feste Verhaltensmuster eingebunden. Im Allgemeinen reagieren Tiere auf Gefahr mit Kampf, Flucht oder Erstarren. Daher spricht man im Englischen auch von „fight, flight oder freeze“. Zwar reagiert jedes Lebewesen unterschiedlich stark und individuell auf Reize, jedoch bleiben die arteigenen Grundmuster erhalten. Bei Pferden ist das die Flucht, während viele andere Beutetiere einen besonders gut entwickelten Erstarrungsreflex haben. Esel reagieren häufig mit Erstarren: In bergigen und steinigen Wüsten hätten die Langohren kaum Überlebenschancen wenn sie bei Gefahr davonstürmen müssten. Das für uns sture Verhalten des Esels schützt ihn vor Verletzungen. Abschätzen und Abwarten gehört zum normalen Verhaltensrepertoire, und auch das Wehren mit Hufen und Zähnen ist Selbstverteidigung. Verglichen mit einer Flucht über Stock und Stein ist das Risiko oft geringer.

Im Adrenalinrausch

Angst spielt häufig eine Rolle bei Widersetzlichkeiten. Wenn Angst das Pferd überfordert, kann sie sich schließlich zur Panik steigern. Wiederum löst die Paniksituation einen körperlichen Alarmzustand aus. Jeder kennt den typischen Adrenalinrausch: Das Hormon regt den Kreislauf an und macht wach, aufmerksam sowie empfindsam. Da gleichzeitig die Aktivität in weniger überlebenswichtigen Organen abgesenkt wird, können alle Kräfte für Flucht oder Kampf zur Verfügung gestellt werden. Nun übernehmen von Instinkten geleitete Systeme im Gehirn das Kommando. Es kommt zu Reaktionsketten, und Pferde reagieren bei Panik regelrecht kopflos: Sinne wie Hören oder Sehen sind nahezu ausgeschaltet und es bleibt keine Zeit zum Nachdenken oder Zögern. Das sind zum Beispiel Situationen, in denen sich Pferde losreißen, den Mensch umrennen und keine Rücksicht auf Verluste nehmen. Panik endet in wilder Flucht. Dabei läuft ein festes Verhaltensschema ab, das nicht mehr bewusst beeinflusst werden kann. In Panik geratene Vierbeiner nehmen nicht einmal mehr Schmerz wahr, weshalb sie zum Beispiel auch durch Zäune stürmen oder andere Hindernisse über den Haufen rennen, die ihnen im Weg sind.

Mehr Informationen zum Thema „Widersetzlichkeit“ erhalten Sie in der Mein Pferd Juli-Ausgabe