Text: Kerstin Niemann          Foto: Jacques Toffi

Zu tief, zur Seite geneigt, zu steif, zu wackelig …Wie kann es gelingen, dass der Reiter seinen Kopf hochnimmt? Und woran kann es liegen, wenn er das nicht schafft?

Das ist gemeint

Der Reiter soll seinen Kopf frei und ungezwungen tragen, ohne im Hals- oder gar im Schulterbereich Verspannungen zu entwickeln. Er muss die Übersicht über die Reitbahn behalten und darf darum nicht auf den Hals oder die Schulter des Pferdes schauen. Man weiß, dass der Blick den Kör- per „lenkt“: Wenn man also zum Beispiel nach links schaut, dreht sich der Körper auch in diese Richtung mit. Das Kommando „Kopf hoch“ ist aber leider eine komplett auf die Form bezogene Korrektur, die kein bisschen darauf eingeht, dass vielleicht das Problem woanders liegen könnte. Besser wären Anregungen wie: „Augen geradeaus, schau dich um, blick durch die Ohren des Pferdes auf die Linie, die du reiten möchtest.“

Neues etablieren – nur wie?

Um ein Bewegungsmuster, das man in seinem Gehirn einmal als richtig ab- gespeichert hat, zu verändern, genügt es nicht, etliche Male pro Reitstunde daran erinnert zu werden, dass man den Kopf hoch nehmen soll – es ist ganz normal, immer wieder in die alten Gewohnheiten zurückzufallen. „Um langfristig an einem Sitzfehler etwas zu ändern, sind sogenannte Kontrasterfahrungen nötig“, weiß Rolf Grebe. Das heißt: Statt zum Beispiel den Kopf einfach nur immer wieder hoch zu nehmen, sollte man ihn übertrieben nach rechts, links, oben und unten neigen, in verschiedenen Situationen, nicht nur auf dem Pferd, sondern auch z. B. auf dem Bürostuhl. Und zwar über Monate!

Auswirkungen

Die meisten Reischauen auf den Haldes Pferdes, andere „wippen“ in der Bewegung mit oder neigen ihren Kopf zur Seite. Das hat Folgen, denn alles, von Kopf bis Fuß, beeinflusst den Reitersitz. Al- lein am Tragen des Kopfes sind rund 30 Muskeln beteiligt und wenn der Reiter nen Kopf senkt oder seitlich neigt, sind diese anders gedehnt und beansprucht, als wenn er seinen Kopf ausbalanciert und frei trägt. Der nicht frei und gerade getragene Kopf löst eine negative Muskelfunktionskette aus: Reiter, die nach unten schauen oder ihren Kopf seitlich neigen, sitzen oft krumm oder sogar einseitig belastend (mit schiefer Hüfte) auf dem Pferd. Weitere Sitzprobleme können sich von oben nach unten durch den gesamten Reiterkörper ziehen. Je weiter der Reiter nach unten schaut, desto stärker kann dies sogar sichtbar werden an der Körperhaltung des Pferdes. Der Fokus verlagert sich auf die Vorhand, das Genick könnte zu tief kommen, das Pferd kann aufgrund der negativen Muskelfunktionskette des Reiters nicht mehr optimal vorfußen.

Wo liegt die Ursache?

Manchmal ist es vielleicht wirklich „nur“ eine falsche Angewohnheit, herunterzuschauen, dann wird es schnell gehen, dieses Sitzproblem zu verbessern. Es kann aber auch sein, dass eine fehlerhafte Kopfaltung ihre Ursache an anderer Stelle hat – etwa von einer steifen Mittelpositur, einer schiefen Hüfte oder verkrampften Schultern kommt. Hier kommt man als Reiter allein nicht weiter, ein Reitlehrer muss akribisch nach dem wirklichen Auslöser forschen, um diesen Haltungsfehler des Reiters dauerhaft zu korrigieren.

Das hilft

• Lockern Sie die 30 Muskeln, die den Kopf tragen, indem Sie beim Schrittreiten nach rechts und links sowie nach oben und unten schauen.

• Gewöhnen Sie sich an, in den Schrittpausen Ihre Kopf- und Schultermuskulatur durch Drehbewegungen zu lockern.

• Der Körper folgt dem Kopf. Darum versuchen Sie, Ihren Blick durch die Pferdeohren ca. fünf bis zehn Meter vor dem Pferd dorthin zu richten, wo Sie hinreiten wollen.

• Reiten Sie zur Abwechslung um Stan- gen oder Pylonen oder vertauschen Sie mal die Buchstaben im Viereck, um sich „automatisch“ mehr umzuschauen!

• Übertreiben Sie, machen Sie mal etwas anderes: Schauen Sie (beim Schrittreiten!) in den Himmel, legen Sie eine Hand auf Ihren Kopf, lockern Sie sich selbst, indem Sie ein paar Grimassen ziehen (das löst Spannungen im Kieferbereich).

• „Drehen“ Sie die Augen gegen den Kopf. Das heißt: Schauen Sie nach rechts, obwohl der Kopf nach links gedreht wird und anders herum. Damit brechen alte Bewegungsmuster auf und schaffen Platz für eine neue, verbesserte Kopfhaltung!

Weitere Tipps finden Sie in der aktuellen Mein Pferd- Ausgabe.