Text: Nicole Audrit          Foto: Equimero, Hersteller

An vielen Reitställen sind gebisslose Zäumungen längst keine Seltenheit mehr. Meist verspricht sich der Reiter eine schonendere Einwirkung. Die Expertin Andrea Eschbach klärt die Frage, ob gebisslose Zäumungen wirklich sanfter als ein Gebiss sind.

Das  Thema „Gebiss – ja oder nein“ ist heikel und emotionsgeladen. Gegner des gebisslosen Reitens und somit Befürworter des Gebisses berufen sich unter anderem auf die Tradition und auf die Gymnastizierung, die ihrer Meinung nach lediglich mit einer Zäumung mit Gebiss möglich ist. Reiter mit gegensätzlicher Meinung werfen in Bezug auf das Reiten mit Gebiss Begriffe wie „tierschutzwidrig“, „schmerzhaft “ und „unnatürlich“ in den Raum. Wie so oft im Leben lässt sich auch das Thema „Gebiss – ja oder nein“ nicht pauschalisieren. Fakt ist, dass gebisslose Zäumungen nicht zwangsläufig sanfter und schonender für das Pferd sind als ein Gebiss. „Letztendlich entscheidet nicht die Art der Zäumung – ob mit oder ohne Gebiss – über die sanfte oder harte Wirkung, sondern vielmehr ist die Reiterhand einer der entscheidenden Faktoren. Daher entspricht der Satz ,Jede Zäumung ist so scharf, wie die Hand, die sie führt‘ immer noch der Wahrheit“, erklärt Andrea Eschbach, eine erfahrene Pferdetrainerin und Reitlehrerin. Neben der Reiterhand spielen die Wirkweise und der Aufbau der Zäumung sowie die Passform eine Rolle für die Härte des Zaums. Die Gegner des Gebisses argumentieren häufig mit zwei Studien: zum einen der Studie der Universität Hannover, die festgestellt hat, dass im Pferdemaul nicht ausreichend Platz für ein Gebiss vorhanden ist. Zum anderen wird Dr. Robert Cook, ein amerikanischer Professor und Verfechter der gebisslosen Zäumungen, genannt. Eine seiner Studien besagt, dass ein Gebiss im Pferdemaul den Reflex zur Nahrungsaufnahme, also dem Einspeicheln und dem Verschluss der Luftröhre durch den Kehldeckel, auslöst und somit die Atmung blockiert, da Pferde entweder fressen oder atmen können. Daraus schlussfolgerte Dr. Robert Cook, dass das bloße Vorhandensein eines Gebisses das Pferd bereits beim Atmen beeinträchtige. Er ist der Auffassung, dass das Speicheln beim Reiten lediglich dazu dient, den Fremdkörper in Gestalt des Gebisses loszuwerden. Die Ergebnisse wurden und werden bis heute mehrfach angezweifelt, sind teilweise widerlegt und müssen sehr kritisch betrachtet werden. So wurde herausgefunden, dass der Reflex zum Verschluss der Luftröhre erst durch Nahrungsbrei, der in Richtung Kehle transportiert wird, ausgelöst wird.

Gleicher Druck, andere Verteilung

Es ist ein Irrglaube, dass eine gebisslose Zäumung ohne Druck auskommt. Vielmehr ist es eine Verlagerung des Drucks: Ein Gebiss wirkt auf den Maulbereich – auf die Zunge und den Unterkiefer –, wohingegen eine gebisslose Zäumung je nach Variante auf das Nasenbein, das Genick und/oder den Unterkiefer Druck ausübt. Der Maulbereich ist aufgrund der vielfältigen Nervenstrukturen unstrittig eine sehr empfindliche und sensible Körperstelle. Allerdings sind auch das Nasenbein und das Genick nur unwesentlich unempfindlicher. Im Genick befinden sich verschiedene sensible anatomische Strukturen, wie beispielsweise Nervenzellen und Schleimbeutel. Nicht zufällig gibt es einen Trend in Richtung anatomisch geformter Zäumungen, die sehr empfindliche Bereiche im Genick aussparen, um dem Pferd den größtmöglichen Tragekomfort zu bieten. Leicht seitlich und unterhalb der Jochbeinenden treten die Nervenbahnen des Facialis aus, deshalb sollte hier nie etwas drücken, und das Reithalfter deutlich unterhalb des Jochbeinendes liegen. Der Druck durch die Zügelkräfte, die vom Reiter ausgehen, bleibt mit und ohne Gebiss der gleiche – lediglich die Verteilung und die Druckpunkte sind anders. Im Zusammenhang mit dem Thema Druck wird auch häufig die Kontrolle und die Angst vor dem Kontrollverlust durch den Verzicht auf ein Gebiss genannt. Diesem widerspricht Andrea Eschbach: „Häufig befürchten Reiter mit einer gebisslosen Zäumung, weniger Einwirkung als mit einem Gebiss zu haben und so in Gefahrensituationen die Kontrolle über das Pferd zu verlieren. Ich bin allerdings der Auffassung, dass ein gut ausgebildetes und erzogenes Pferd auch im Gelände mit einer gebisslosen Zäumung nicht schlechter zu kontrollieren ist als mit Gebiss. Außerdem ist es ein Irrglaube, ein Pferd mithilfe eines Gebisses am Durchgehen hindern oder anhalten zu können. Man muss sich bewusst machen, dass das Pferd als Fluchttier auf Schmerz mit Unruhe und Panik reagiert. Wird der Reiter in einer brenzligen Situation also grob am Zügel einwirken, verursacht das Metallstück im Maul dem Pferd Schmerzen, worauf in dieses eher mit Flucht reagiert. Im Zweifelsfall geht das Pferd also mit oder ohne Gebiss durch. Es liegt dann am Reiter, diesen Ausbildungspunkt aufzuarbeiten. Außerdem stelle ich interessanterweise immer wieder fest, dass gerade unsichere, nervöse Pferde gebisslos im Gelände deutlich ruhiger gehen.“

Im Dschungel der Möglichkeiten

Es gibt eine große Auswahl an unterschiedlichsten gebisslosen Zäumungen, sodass die Entscheidung schwerfällt. Bei einem genaueren Blick auf die einzelnen Varianten wird deutlich, dass sie unterschiedlichen Wirkungspunkte am Pferdekopf – am Nasenrücken, den Ganaschen, dem Genick, dem Unterkiefer oder dem Hals – und somit auch verschiedene Eignungsgebiete haben. Grundsätzlich unterscheidet man Zäumungen mit und ohne Hebelwirkung: Diejenigen ohne Hebelwirkung übertragen unverändert die Zügelkraft von der Reiterhand auf die Nase und/oder das Genick, wohingegen die Anzüge bei Zäumungen mit Hebelwirkung die Kraft verstärken. Dabei gilt: Je länger der Hebel, desto langsamer der Anzug und desto stärker die Krafteinwirkung. „Außerdem unterscheidet man zwischen Zug- und Druckwirkung. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass eine Zäumung mit Zugwirkung, beispielsweise ein Sidepull, schneller Gegenwehr vonseiten des Pferdes erzeugt, als die Varianten mit Druckwirkung“, resümiert Andrea Eschbach.

…den kompletten Artikel – inklusive einer Übersicht zu verschiedenen Zäumungen und deren Wirkweise, Vor- und Nachteilen – lesen Sie in der Februar-Ausgabe.

BUCHTIPP

In dem Buch „Reiten so frei wie möglich“ erklären die Autoren Andrea und Markus Eschbach wie Sie Ihr Pferd gebisslos sicher und sinnvoll reiten können.  Wissenschaftliche Erkenntnisse bestätigen, dass gebissloses Reiten auch für die Dressurarbeit sinnvoll ist. Andrea und Markus Eschbach zeigen in diesem Ratgeber, wie sie Pferde ausbilden und reiten, damit Harmonie möglich wird. Vertrauen, Aufmerksamkeit, Sorgfalt und Klarheit sind wichtige Voraussetzung für den Erfolg.  Das Buch ist im Kosmos Verlag erschienen und hier für 9,99 Euro erhältlich.