Interview: Nicole Audrit       Foto: www.slawik.com

Kaiserin Elisabeth von Österreich – besser bekannt als Sisi – war häufig im Damensattel unterwegs und gilt bis heute als eine der mutigsten Reiterinnen im Damensattel. Der Damensattel ist in den letzten Jahrzehnten zwar fast verschwunden, mittlerweile entdecken jedoch immer mehr Reiterinnen die Freude am Reiten im Seitsitz. Nicole Künzel betreibt in Hannover das evipo-Ausbildungszentrum (www.evipo.de) und ist sowohl im Damen- als auch im Herrensattel zu Hause.

 

Wie hat sich der Damensattel im Laufe der Zeit verändert?

Es ist bekannt, dass bereits in vorchristlicher Zeit seitlich zu Pferde geritten wurden. Allerdings gab es zu dieser Zeit keinen Damensattel, vielmehr wurde entweder auf dem blanken oder mit einer Decke versehenen Pferderücken oder in einem speziellen Holzgestell gesessen. Als Ursprungsform des Damensattels gilt der Quersattel – auch Sambue genannt– aus dem Mittelalter: Dieser Sattel bestand meist aus einer Rückenlehne, einem Sattelknauf, einem Sattelbaum und einer Polsterung aus Stroh. Die Dame saß im Seitsitz auf dem Pferd und stellte beide Füße auf ein Brettchen – die „Planchette“. Beim Reiten im Quersattel ging es mehr um den Transport als um eigenständiges Reiten – Trab und Galopp waren undenkbar. In der Renaissance entwickelte sich der Gabelsattel, der bereits größere Ähnlichkeit zum heutigen Damensattel hat: Der Sattelknauf wurde zu zwei Gabeln und bot so deutlich mehr Halt. Der linke Fuß wurde zunächst weiterhin auf der Planchette abgestellt, später gab es auch Pantoffelsteigbügel. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich dann das sogenannte Jagdhorn, das unter dem Bogen der linken Gabel platziert wurde. Schrittweise entwickelte sich die rechte Gabel zurück und ist heute bei einigen historischen Sätteln nur noch als Rudiment zu sehen. Im 19. Jahrhundert wurde zunehmend Wert auf die Sicherheit beim Reiten im Seitsitz gelegt: Unter anderem durch Sicherheitssteigbügel und spezielle Sicherheitsschlösser an der Steigbügelaufhängung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts öffnete sich der Reitsport zunehmend der breiten Bevölkerungsmasse. Zu diesem Zeitpunkt kam es auch häufiger zu Diskussionen, wie gesundheitsfördernd oder -schädlich das Reiten im Damensattel sei – und auch, ob es sich für Frauen gehört, im Seitsitz wie im Damensattel oder im Spreizsitz wie im Herrensattel zu reiten. Schließlich führte der Beginn des Zweiten Weltkrieges zu einem vorläufigen Ende der Damensattel-Ära in Deutschland, während die Tradition in England, den USA und Frankreich weiter gepflegt wurde. Mittlerweile gibt es immer mehr Reiterinnen, die im Damensattel reiten möchten – sei es bei Shows oder auf Turnieren. Der Verein „Reiten im Damensattel e.V.“ (www.damensattel-deutschland.de) engagiert sich dafür, das Reiten im Damensattel in Deutschland bekannter zu machen.

Worauf kommt es beim Kauf eines Damensattels an?

Nur mit einem sehr gut passenden Damensattel wird das Reiten in ebendiesem sowohl Pferd als auch Reiter Freude bringen. Dabei ist es elementar, dass der Sattler im Bereich der Damensättel versiert ist. Beim Damensattel spielen die körperlichen Begebenheiten des individuellen Pferd-Reiter-Paares eine sehr große Rolle. So bestimmt beispielsweise die Oberschenkellänge und Hüftbreite der Reiterin die Sitzfläche, die wiederum von der Auflagefläche her auf das Pferd passen muss. Damensättel werden entweder nach Maß gefertigt oder aus einem historischen Modell aufgearbeitet. Günstige Damensättel von der Stange haben oft große Defizite in Sachen Passform und Sicherheit.

Was sind die besonderen Herausforderungen beim Reiten im Damensattel?

Generell unterscheidet sich die Hilfengebung im Damensattel nicht von der im Herrensattel – außer dass eben der rechte Schenkel fehlt und ein Reitstock an dessen Stelle tritt. Beim Reiten im Damensattel ist es wichtig, ein im Herrensattel fein ausgebildetes Pferd zu haben, dem man vertraut und das sich kooperativ verhält. Entgegen vieler Vermutungen gewährt ein gut angepasster Damensattel der Reiterin viel Halt und vermittelt ein sicheres Sitzgefühl. Zu Beginn sollte das Reiten im Damensattel an der Sitzlonge erlernt werden, um sich und das Pferd mit den veränderten Begebenheiten vertraut zu machen.

Wie pferdefreundlich ist der Damensattel?

Allein dadurch, dass sich beide Beine auf der linken Seite befinden, entsteht automatisch eine etwas größere Belastung auf dieser Seite. Daher muss unbedingt auf einen sehr guten, zentrierten Sitz Wert gelegt werden: Je besser die Reiterin sitzt, desto besser ist dies für das Pferd. Außerdem muss der Damensattel mindestens jedes halbe Jahr fachmännisch angepasst werden. Das abwechselnde Reiten im Damen- und Herrensattel ist empfehlenswert, um Einseitigkeit zu vermeiden. Mit einem gut angepassten Damensattel und entsprechendem Umgang mit diesem steht einer guten Gymnastizierung des Pferdes im Damensattel nichts im Wege.