Text: Inga Dora Schwarzer      Foto: www.Slawik.com

Warum ist mein Pferd so triebig? Vor allem in der Halle und auf dem Reitplatz stellen sich viele Reiter diese Frage. Obwohl sie ihre Schenkel einsetzen, geht der Vierbeiner nicht vorwärts. Wie es zum Verlust der Bewegungsfreude kommt und was Sie dagegen tun können, erklärt Ausbilderin Renate Maria Hess

Mehr Gefühl entwickeln

Mangelt es an Bewegungsgefühl, wird die vorwärtstreibende Schenkelhilfe häufig arhythmisch gegeben. Erfolgt sie im falschen Moment, kann sie aber weder verstanden noch umgesetzt werden. Die Folge? „Das Pferd wird sie zwangsläufig ignorieren und auf den Schenkelimpuls abstumpfen. Kommt sie im Trab z.B. dann, wenn sich das Hinterbein in der Luft befindet, veranlasse ich es sogar dazu, es wieder früher aufzusetzen, und provoziere damit einen kurzen Tritt. Damit habe ich das Gegen- teil von dem erreicht, was ich wollte. Ich unterstütze das Pferd nicht in seinen Bewegungen, sondern störe es“, sagt Hess.

Die Trainerin gibt dazu ein anschauliches Beispiel: „Stellen Sie sich vor, Sie geben einem Kind auf einer Schaukel Anschwung. Die meiste Energie erzeugen Sie, wenn das Kind bei Ihnen ankommt. Schubsen Sie es auf halber Strecke an, können Sie keinerlei Energie erzeugen. Aber genau das ist es, was wir Reiter oft machen: Wir warten nicht ab, bis der richtige Zeitpunkt gekommen ist, damit das Pferd seine volle Energie entwickeln kann. Würden wir dies tun, könnte es den vorwärtstreibenden Impuls viel besser annehmen.“

Der gleichzeitige Einsatz beider Schenkel ist ebenfalls ein weit verbreiteter Fehler. „In diesem Fall müssten Pferde Bewegungen wie ein Hase oder Känguru ausführen, also hüpfen, um diese Hilfe zu verstehen. Reiter können mit ihrem Schenkel immer nur auf das gleichseitige Hinterbein einwirken, nicht aber auf beide“, meint die Pferdewirtin. Viele würden sich bei dieser Art des Schenkeleinsatzes zudem im Galopp in ihrer Atmung beklemmt fühlen und den Impuls aus der Hinterhand nicht nach vor- ne durchlassen. Die tiefe Atmung in den Bewegungen ist nämlich an die Bauchbewegung (Atmungsrippen) gekoppelt.
Wer diese Grundsätze nicht beherzigt, versucht seine Schenkel oft mit mehr Kraft einzusetzen. Gelingt dies nicht, kommen Sporen und Gerte zum Einsatz. Doch die veranlassen die vierbeinigen Sportpartner in der Regel genauso wenig dazu, ihren Vorwärtsdrang zu erhöhen. „Sie wehren sich nur noch mehr. Das sind Hilfsmittel, um eine Bewegung zu verfeinern, aber sie sind nicht dafür da, um eine Bewegung herauszuarbeiten. Triebigkeit bedeutet immer ein Verlust der Bewegungsfreude. Da kann ich mit Gewalt gar nichts erreichen. Wenn Kraft einsetzt, hört das Gefühl auf.“

Gleichmaß und Rhythmus

Der Begriff „treiben“ führt laut Hess schnell zu Fehlinterpretationen. Es gehe nicht ums Treiben im wortwörtlichen Sinne, sondern um das Setzen von Impulsen im Rhythmus der Pferdebewegungen (siehe Kasten Seite 26). Und damit sind wir dort angelangt, wo eine weitere Korrektur von untertourig laufenden Pferden einsetzt – beim ersten Punkt der Ausbildungsskala, dem Takt. Zeigen sie in ihren Bewegungen ein zeitliches und räumliches Gleichmaß, folgen gleichmäßige Schritte, Tritte und Sprünge. Sie gehen in einem Rhythmus. Dafür ist ein bestimmtes Grundtempo elementar. „Wie bei einem Autoreifen, welchen man anschubst und der eine gewisse Bewegung benötigt, um nicht umzukippen, brauchen sie eine bestimmte Energie, um sich stabil und ohne hohen Kraftaufwand auf ihren Beinen ausbalancieren zu können“, so die Pferdephysiotherapeutin.

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