News 15.03.2010

Rückblick 1: Februar 2008 und das Join up

Morti und Hengstkumpel Leon im Februar 2008. Auch Leon war auf dem Schlachttransport, aber anfangs wesentlich umgänglicher als Morti.
Über Monty Roberts gehen die Meinungen auseinander. Meinetwegen zu Recht. Aber für eine Beobachtung bin ich ihm absolut dankbar: seine Entdeckung und Beschreibung des Join Up. In irgendeiner Pferdezeitschrift habe ich in den vergangenen Monaten gelesen, Wissenschaftler hätten bewiesen, dass das Scheuchen im Round Pen Pferden Stress bereite und daher abzulehnen sei. Natürlich bereitet es den Pferden Stress. Aber hat es mir etwa keinen Stress bereitet, einem jungen widerspenstigen Hengst, der bei allem Drang zur Selbstdarstellung überhaupt nicht einsehen wollte mich zu respektieren, Führgehorsam anzutrainieren?!? Ja, und nicht zu wenig! Nach dem Eiertanz beim Halfteranlegen musste ich, um den Weg zur Halle mit Morti an meiner Seite einigermaßen meistern zu können, zunächst alle Fenster der angrenzenden Pferdeboxen – und das waren eine Menge  - schließen, um überhaupt eine Chance zu haben, ihn mit Mühe und Not in die von mir vorgegebene Richtung dirigiert zu bekommen. Nach aufregenden Metern in der Stallgasse begann in der Halle – natürlich war ich spät abends da und Morti das einzige Pferd in der Bahn – die nächste Hengstparade: An Respekt mir gegenüber war nicht zu denken, Morti rannte mit hochgerissenem Kopf und aufgestelltem Schweif an der Bande auf und ab und schrie lauthals nach seinen Kumpels. Puh. Und das war jetzt also mein Pferd.

Ich muss wirklich sagen, zum Glück war ich noch nie ein Weichei. Ich entschied mich also, nach Monty Roberts vorzugehen und begann mithilfe des langen Westernropes Morti von der Bande zu scheuchen. Natürlich knatterte Morti erstmal gewaltig los und tobte einige Runden im wilden Galopp um die Bahn. Doch dann wollte er wieder an seiner Lieblingsbandenseite – die, wo es zu den Kumpels ging – stehen bleiben, was ich nicht zuließ und ihn weiter antrieb. Ich schaffte es, den Druck so zu dosieren, dass er jetzt weitertrabte. Auch die Richtung gab eindeutig ich vor: Als er in der Ecke umdrehen und dieselbe Bande wieder zurückgaloppieren wollte, versperrte ich ihm schon von weitem mit großen schwingenden Rope-Kreisen den Weg und er musste wieder Kehrt machen. Die Minuten vergingen, der Schweiß floss – nicht nur bei Morti. Es ist nunmal wesentlich anstrengender, das Join Up in einer 20x60-Halle durchzuführen, als in einem Round Pen... Deswegen habe ich definitiv nicht so lässig dabei ausgesehen, wie Roberts bei seinen Showauftritten. Aber einen Longierzirkel gab es an dem Hof nicht.

Jedenfalls war Entspannung vorerst nicht in Sicht. Morti akzeptierte zwar widerwillig, dass er vor mir weichen musste, machte aber ansonsten keine Anstalten, mit mir zu verhandeln: Er trabte oder galoppierte mit einigen Bocksprüngen zwischendrin frisch vorwärts, versuchte hier und da die Richtung zu wechseln oder an seiner Lieblingsseite stehenzubleiben und krakelte immer mal wieder lautstark nach seinen Kumpels. Ich gönnte uns keine Pause, aber schielte irgendwann verstohlen auf die Uhr: „Schon 20 Minuten! Das gibt’s doch nicht! Sch... auf Monty Roberts, das funktioniert nicht! Ich werde meinen Lebtag damit verbringen müssen, hinter diesem verrückten Pferd hier in der Halle herzuscheuchen!“ Trotzdem machte ich weiter, irgendwann wurden wir beide langsamer. Aber Morti interessierte sich leider immer noch am meisten für die Bahnseite, hinter der er seine Kumpels wusste. Also weiter.

Und dann, noch einige schweißtreibende Minuten später, passierte es plötzlich: Morti schenkte mir sein inneres Ohr! Jetzt ging es ganz schnell. Ich ließ meinen Arm, in dem ich zum Antreiben das Westernrope hielt, etwas sinken. Morti wurde langsamer, sein Ohr immer noch zu mir. Morti senkte den Kopf. Ich hielt den Atem an. Er blieb stehen und guckte zu mir her. Ich blieb auch sofort stehen und wartete einen Augenblick, atmete erst einmal tief durch. Dann ging ich langsam auf ihn zu. Er hatte den Kopf immer noch zu mir gewandt und blieb ganz aufmerksam und ruhig stehen. Ich redete ihm freundlich und erleichtert zu, und als ich bei ihm stand, habe ich ihn zunächst am Kopf und dann überall an Hals, Brust, Rücken, Bauch, Hinterhand, auf beiden Seiten gestreichelt und ihm Leckerchen gefüttert. Dann habe ich das Rope an seinem Knotenhalfter befestigt und gesagt: „Komm!“. Jetzt bin ich mit ihm durch die Bahn gelaufen, geradeaus, eine große Volte nach links, eine nach rechts. Dann habe ich Anhalten geübt. Bei „Halt“ habe ich mich ruhig aber entschieden zu ihm gedreht und ihm mit der Gerte, die ich in der linken Hand hielt, optisch den Weg versperrt.

Morti war lammfromm und unsere Übungen verliefen in einer absolut ruhigen, friedlichen Atmosphäre. Das war nicht dasselbe Pferd von vor 40 Minuten! Er achtete genau auf jede meiner Bewegungen, respektierte mich und reagierte schnell und kooperativ. Nachdem das Anhalten zum dritten Mal, nun schon auf eine viel kleinere Bewegung hin, super funktioniert hatte, ließ ich ihn rückwärtsweichen. Auch das klappte auf Anhieb! Ich lobte ihn erneut groß und machte das Rope jetzt wieder ab. Ich streichelte ihn und er blieb ganz ruhig bei mir stehen. Ich wollte, dass er jetzt noch etwas Freizeit in der Halle hatte und sich vielleicht wälzte. Aber er blieb einfach bei mir stehen – er schaute noch nicht einmal in Richtung der Bande, von der er sich vorhin doch kaum lösen wollte, weil er dahinter seine Kumpels vermutete! – und als ich losging, folgte er mir. Ich blieb stehen und lachte und lobte ihn überschwänglich. Ja, das war mein Pferd! Ich hätte vor Freude heulen können!

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